The Story Lab - Eine gelebte Zukunftswerkstatt

The Story Lab – Writing at Stake

Geschichten als Wegbereiter – ein WorkWriteShop zur gemeinsamen Entwicklung konkreter Zukunftsräume

The Story Lab ist ein bereits existierender Ort, der u.a. Raum bietet für den zeitlich begrenzten WorkWriteShop. Dieser richtet sich an Menschen, die sich der Kraft von Narrativen bewusst sind und nicht länger daran glauben, dass sowohl persönliche als auch relevante gesellschaftliche Zukunfts-Narrative im Alleingang, theoretischem Diskurs oder in digitalen Räumen entstehen.

Humans are storytelling animals” *

* allerdings Rudel- und keine Herdentiere, was auch in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt.

Die hypothetische Frage

Wie müsste ein Alltag aussehen, der Menschen nicht ständig aus ihrer Mitte reißt und sie erschöpft im Hamsterrad des modernen Alltags zurücklässt? Oftmals so erschöpft, dass sie nicht mal mehr tagträumen können – die Voraussetzung, um Hoffnung, Zuversicht und Tatkraft zu entwickeln. Nur daraus können lockende Zukunftsvisionen entstehen, ob nun für den kleinen, persönlichen oder den großen gemeinschaftlichen Raum. Zu erschöpft, zu resigniert, zu verwirrt oder einfach zu apathisch für das Tagträumen zu sein, kann schwerwiegende Folgen nicht nur für die psychische und physische Gesundheit im Hier und Jetzt haben, sondern auch weit in die Lebensführung der Zukunft hineinwirken.

Grassierende Zivilisationskrankheiten wie Depression, Burn-out und ADHS sind genau wie Diabetes, Adipositas und Krebs deutliche Alarmsignale, dass etwas in der allgemeinen Lebensführung nicht stimmt, besonders, wenn es inzwischen immer mehr Kinder und Jugendliche trifft.

Bücher, Therapien, Kurse, Übungen oder Medikamente mögen für einige Zeit hilfreich sein, besonders zur Überbrückung akuter persönlicher Krisen. Doch Notnägel sind in der Regel nicht für dauerhafte Lösungen gedacht.

Das Story Lab ist der Versuch, diese Frage nach einem möglichst menschenfreundlichen Alltag nicht nur theoretisch, sondern auch in einem praktischen Alltag zu untersuchen.

In einer andersartigen Umgebung mit einem andersartigen Alltag entstehen auch andersartige Geschichten, lautet ein Teil der Hypothese. Und nichts wird nunmal mehr benötigt als Geschichten mit neuen Sichtweisen, um aus alten Teufelskreisen herauszukommen. Diese Erkenntnis ist die Grundlage dieses Experiments.

“First we shape our buildings; thereafter they shape us”, sagte Winston Churchill einmal in einer seiner berühmten Reden.

Menschen und ihre Geschichten werden von ihrer alltäglichen Umgebung geprägt. Zugleich können Geschichten, wenn sie zu gesellschaftlich wirksamen Narrativen werden, wiederum diese Umgebung verändern. Auf diese Rückkopplung wird später noch genauer eingegangen. Doch eines ist schon mal sicher:

Geschichten schreiben Geschichte ….

An dieser Stelle nun eine WARNUNG

Dies hier ist kein Schreiben mit einer ausgeklügelten Marketingstrategie. Es geht nicht darum, ein Kursusgeschäft oder ähnliches zu betreiben oder irgendjemandem den Lebensunterhalt zu finanzieren. Deshalb geht es auch nicht darum, eine möglichst breite Masse von Interessenten für einen Workshop anzusprechen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Spreu soll möglichst schon im Vorfeld vom Weizen getrennt werden.

Entweder es funkt beim Lesen dieses Textes – oder eben nicht. Der genaue Ablauf des WorkWriteShops wird am Ende dieses Textes beschrieben.

Es geht auch nicht um persönliche Vorlieben für bestimmte Personentypen, die Vertrauen wecken und dann ausschlaggebend sein könnten für den Beschluss zu einer Teilnahme, weshalb man hier auch vergeblich nach dem bürgerlichen Namen eines Veranstalters suchen wird. Persönliche Beziehungen werden sich unweigerlich im Verlauf des WorkWriteShops ergeben, aber nicht im Vorwege. Es ist die Idee selbst, die zünden muss. Für lange Kennenlern-Kommunikation bleibt sowieso nicht viel Zeit, wie auch aus dem weiteren Text ersichtlich werden dürfte. Denn die Zeit drängt. Die freie Welt – oder was davon noch übrig ist – und das „gute Leben“ – wo es denn überhaupt noch existiert – befinden sich in einer zunehmend prekären Lage, um nicht zu sagen, im freien Fall.  

Es ist längst nicht mehr nur irgendeine ferne Zukunft, die auf dem Spiel steht. Die nächsten Jahre dürften es jenen, die es immer noch nicht wahrhaben wollen und auf eine Rückkehr in die “gute” alte Zeit der letzten Jahrzehnte hoffen, noch viel deutlicher vor Augen führen.

“Hoffen und Harren macht manchen zum Narren”. 

Gesucht werden also die berüchtigten Nadeln im Heuhaufen: Menschen, die sowohl die Macht von Narrativen als auch die Zeichen der Zeit erkannt haben und deshalb ernsthaft Lust verspüren, an dieser Sache mitzuarbeiten – zumindest für eine Weile.

Nicht aus gutmenschlichen Motiven, die Welt retten zu wollen. Charity Mindset ist hier fehl am Platz. Sondern aus der ziemlich nüchternen Einsicht heraus, dass das eigene Glück, vielleicht irgendwann sogar das eigene Leben sowie das der Kinder und Kindeskinder – zumindest aber das “gute Leben” – langfristig keinen Bestand haben kann, wenn das Unglück der „Anderen“ immer größer wird.

Man könnte die Teilnahme an dem WorkWriteShop deshalb gleichzeitig auch noch als eine Art Vorsorgemaßnahme betrachten, um etwas über Möglichkeiten erfahren, außerhalb des modernen Mainstreams zu leben, und vielleicht sogar in dem Prozess der gemeinschaftlichen Entwicklung eines menschengerechten Alltags sowie das Schreiben einer Geschichte darüber – die Zielsetzung dieses WorkWriteShops – Inspiration für seine eigenen persönlichen Zukunftsvisionen zu erhalten, um dann bei Bedarf seine eigene Geschichte auch neu zu schreiben.

Denn sowieso lautet die Devise hier: 

Me first!

Nicht im Sinne von rücksichtslosem Egoismus, sondern ganz wörtlich: Man sollte Neugier und Abenteuerlust bei der Vorstellung verspüren, sich auf dieses Experiment einzulassen. Die eigene Lust ist generell nachhaltiger als jede Moral, und klingt sie noch so menschenfreundlich. Niemand sollte hier deshalb aus moralischem Pflichtgefühl erscheinen. Gutmenschtum ist hier nicht gefragt. Dafür gibt es genügend andere Veranstaltungen. 

Dass ein gewisser Mut dazu gehört, sich auf ein solches Experiment einzulassen, zudem fernab von den heimatlichen Gefilden, ist schon klar. Einigen mag genau dieser Umstand der Entfernung allerdings auch sicherer vorkommen angesichts der momentan sehr prekären politischen Lage. Deshalb darf es auch gerne der Mut der Verzweiflung sein, der den letzten Ausschlag gibt und niemand sollte sich verpflichtet fühlen, hier freudestrahlend und voller Zuversicht anzukommen. Eine gewisse Portion Skepsis ist sowieso immer angebracht. Solange aber Neugier und Offenheit überwiegen, sollte das kein Problem sein.

Und wenn alle Stricke reißen, bleibt immer noch die Option, den WorkWriteShop zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder zu verlassen. Es werden keine Kursusgebühren oder Vorauszahlungen des Selbstkostenanteils erhoben (tageweise Abrechnung), die man bei einem vorzeitigen Abbruch ansonsten verlieren könnte, ohne etwas dafür zu bekommen. Man muss also kein Gutverdiener sein, um hier teilzunehmen, was ein wichtiger Grundgedanke des Story Lab ist. Für weniger als dem unten angegebenen Selbstkostenanteil geht es allerdings nicht. Das Story Lab ist, zumindest bisher, ein Low Budget Projekt.

Auch bestehen keinerlei Verpflichtungen oder Erwartungen moralischer Art, bis zum Ende am WorkWriteShop teilzunehmen. Nichts als Lust und Begeisterung treibe das Werk voran. 

 Wenn es trotz mentaler Vorbereitung in der Wirklichkeit nicht passen sollte mit den Inhalten oder den anderen Teilnehmern des WorkWriteShop, man sich aber ansonsten wohl fühlt in der Umgebung, steht es einem frei, nur an den rein physischen Aktivitäten des Story Labs teilnehmen, meist in Zusammenarbeit mit Einheimischen. Das können die ruralen Aktivitäten der Highland Base sein: Küchen-, Feld- und Bauarbeit, letztere meist in traditionellen Bauweisen. Oder man wechselt ins urbane Kontrastprogramm der Lowland Base und beteiligt sich an der mobilen Organic-Streetfood-Initiative „Walk on the Wild Side-Deli“. Dabei werden mit Bauchläden lokal produzierte Delikatessen entlang der lebhaften Baywalk von Sabangs berüchtigtem Redlight-Diver District feilgeboten. Sabang ist nicht nur bekannt für seine schöne Unterwasserwelt.

Oder man gönnt sich einfach ganz abseits des Story Labs einen klassischen Urlaub in diesem schönen Land mit seinen vielen traumhaften Inseln und sehr ausländerfreundlichen Bewohnern. Die Lebenshaltungskosten in diesem “Dritte Welt”-Land sind ausgesprochen niedrig, jedenfalls wenn man aus der “Ersten Welt” kommt.

Noch eine Warnung:

Dieser Text ist lang, und sehr kompakt.

„Fast jeder Absatz ein neuer Gedanke“, bemerkte ein Probeleser. „Allerdings alles immer auf Linie mit dem Grundthema“, fügte er anerkennend hinzu. Und schließlich: „Aber ein bisschen lang, und zu viele Wiederholungen des Grundthemas, oder?“

Stimmt.

Wenn man das Handwerk des professionellen Schreibens nie erlernt und niemanden aus der Branche gut genug kennt, um den Betreffenden ständig um redaktionelle Hilfe zu bitten, und müde ist auf glattgebügelte K.I.-Redigierung, muss man mit diesem Manko leben. Authentizität ist hier nunmal wichtiger als professionelle Politur. Außerdem sei daran erinnert, dass sich nur durch Wiederholung Wissen festigt;-). 

Wer mit den Gedanken des Textinhaltes bereits vertraut ist, kann die folgenden Kapitel einfach als Reminder über den Ausgangspunkt dieses Workshops betrachten – die Macht der Narrative – oder querlesen und direkt zum Kapitel The Story Lab springen, wo es konkret um Ablauf und Inhalte des WorkWriteShops geht. 

Wer dagegen mit dem Thema weniger vertraut ist, sollte sich vielleicht etwas mehr Zeit nehmen. Man muss einen langen Text schließlich nicht in einem Stück lesen. Die gesamte Lesezeit dürfte eine gute halbe Stunde betragen.

Wer diese Zeit nicht investieren kann oder will oder wem Stil und Inhalt schlicht zu anstrengend sind, besitzt möglicherweise auch nicht genügend Interesse an der Sache selbst. Denn ganz ohne die Essenz – und vielleicht sogar die Dimension – dieses Vorhabens zu erfassen, wird es schwer, aus dem WorkWriteShop einen wirklichen Gewinn zu ziehen und gleichzeitig zu seinem Gelingen beizutragen.

Die wichtigste Voraussetzung

Die wichtigste Anforderung für dieses Vorhaben ist jedoch ein gewisses Maß an Ungewissheitstoleranz.

Also die Fähigkeit, Unklarheiten, Ambivalenzen und scheinbare Widersprüche eine Weile stehen lassen zu können, ohne sie sofort durch ein fertiges Urteil aus der Welt schaffen zu müssen.

Statt vorschnell zu „ur-teilen“ soll im WorkWriteShop gemeinsam versucht werden, Hintergründe zu verstehen, Widersprüche aufzudröseln und Klarheit zu schaffen – die größte Mangelware in Zeiten allgemeiner Verwirrung.

Decoding heißt dafür das Schlüsselwort.

Ansonsten sollte man noch einigermaßen das Alphabet und etwas Alltagsenglisch beherrschen sowie zumindest einen Besen oder Kochlöffel in der Hand halten können.

Das sind im Wesentlichen die Grundvoraussetzungen für die Teilnahme an diesem Workshop

Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

 

Menschenfreundlicher Alltag – Maßstab für Lebensqualität 

„Es sind die alltäglichen Dinge, die die Welt zusammenhalten.“

… und es sind die alltäglichen Dinge, die die überwiegende Mehrheit der Menschen wirklich interessieren. Alles andere ist häufig einfach nur wie das Rauschen der Bäume oder das Vorbeiziehen der Wolken  Es wird wahrgenommen, aber solange es keine unmittelbare Relevanz für den eigenen Alltag besitzt und dort keine merklichen Veränderungen hervorruft, berührt es die meisten Menschen nur begrenzt, was außerhalb ihres eigenen Alltagsradius vor sich geht – im Prinzip auch nicht, selbst wenn es um fürchterliche Kriege oder Katastrophen geht, solange es weit genug weg ist. Auch Politik interessiert die meisten Menschen im Grunde genauso wenig wie die Börsenkurse – außer sie könnten irgendeinen Einfluss auf den Verlauf der kommenden Tage und die eigene zukünftige ökonomische Situation haben. 

Die nüchterne Wirklichkeit aus Zeitung, Fernsehen und Internet kann diese Distanz offenbar nur begrenzt überwinden. Selbst wenn sie noch so dramatisch aufbereitet wird, scheint sie oft erstaunlich wenig bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Nur lokale Nachrichten werden mit etwas größerer Aufmerksamkeit verfolgt, wobei der sogenannte Dorftratsch, also Neuigkeiten aus der allernächsten Umgebung, immer auf der allerersten Seite stehen. 

Das kann man nun als Gleichgültigkeit, Abstumpfung oder mangelndes Mitgefühl abstempeln. Vielleicht liegt darin aber eine Fehleinschätzung der menschlichen Natur. Möglicherweise übersteigt die Erwartung, dass Menschen emotional ständig an den Leiden der ganzen Welt Anteil nehmen sollen, schlicht unsere natürlichen Fähigkeiten. Vielleicht ist für die Meisten schon der Nachbarort dafür fast zu weit entfernt. Sagt das im Grunde genommen nicht schon aus, welche Größe menschengerechte Ansiedlungen ungefähr haben sollten? 

Anders verhält es sich, wenn statt der Schlagzeile „Eine Million Menschen verhungern in Afrika“ tatsächlich ein einzelner hungernder Mensch vor der eigenen Haustür liegen würde. Wer würde da nicht zumindest den starken Impuls verspüren, ihm zu helfen?

Oder bittet man mal einen wildfremden Menschen auf der Straße um einen kleinen Gefallen oder fragt einfach nach dem Weg, sieht man nicht selten ein freundliches Leuchten im Gesicht.

Der Mensch scheint nämlich erstaunlich gern zu helfen und dabei nicht selten geradezu Lust am Helfen zu entwickeln, wenn einige einfache Bedingungen erfüllt sind:

– bei engen persönlichen Beziehungen

– bei Unmittelbarkeit – wenn eine Situation mit den eigenen Sinnen wahrgenommen wird, spontan und direkt, besonders in Notfällen

– bei Machbarkeit im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, also wenn der Helfende sich nicht überfordert fühlt

– und bei unverbindlichen Kleinigkeiten.

Je mehr wir gefühlsmässig verbunden und je unmittelbarer und sinnlich erfahrbarer etwas ist, desto leichter erreicht es uns emotional – und desto eher entsteht aus Mitgefühl konkretes Handeln.

Demgegenüber steht ein mächtiges kulturelles Narrativ, das besonders durch das Christentum geprägt wurde: Der Mensch soll Gutes tun. Nicht unbedingt, weil ihm spontan gefühlsmäßig  danach ist, sondern weil es seine moralische Pflicht ist. Daraus ist über die Jahrhunderte eine ganze Kultur organisierter Wohltätigkeit entstanden – vom Missionar bis zum heutigen NGO-Mitarbeiter, finanziert nicht zuletzt durch Menschen, denen beigebracht wurde, dass sie angesichts des Elends der Welt eigentlich mehr tun müssten. Das schlechte Gewissen als Motor. In diesem Narrativ steht nicht die Lust am Helfen im Vordergrund, sondern die moralische Pflicht.

Warum nun dieser lange Einstieg darüber, was Menschen wirklich interessiert und wann und warum sie in der Regel hilfsbereit sind?

Weil es schwerlich gelingen wird, ein menschengerechtes Umfeld zu schaffen, wenn man die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse und Verhaltensweisen ignoriert und stattdessen von einem Menschenbild ausgeht, dem der reale Mensch ständig hinterherlaufen muss – bis ihm irgendwann die Puste wegbleibt.

Allzu vieles in unserer heutigen Welt scheint genau so eingerichtet zu sein.

Im Story Lab geht es erstmal darum zu erforschen, welche Faktoren denn massgeblich sind für solch ein menschengerechtes Umfeld und selbst dann einiges mit Leib und Seele ausprobieren, um anschließend eine  Geschichte darüber zu erzählen, die sich anfühlen sollte wie unmittelbar selbst erlebt vom Leser. Gut erzählte Geschichten in Büchern, im Theater oder im Film können das vermitteln. Das inzwischen selten gewordene und vom Aussterben bedrohte Exemplar des Geschichten erzählenden Großvaters am heimischen Ofen wurde hier bewusst erstmal ausgelassen, obwohl er der Urform des Erzählens, wie seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte in zigtausenden von Nächten am Lagerfeuer praktiziert wurde, noch am nächsten kommt. Das heißt aber nicht, dass diese Form nicht auch während eines WorkWriteShops wiederbelebt werden könnte. Es wäre zu hoffen.

Die entscheidende Frage

Wie müsste also eine Gesellschaft beschaffen sein, in der Menschen nicht ständig daran erinnert werden müssen, dass sie einander helfen sollen, sondern in der Hilfsbereitschaft möglichst oft aus eigener Lust und als etwas Selbstverständliches entsteht?

Welcher Alltag könnte Gelassenheit, Lebensfreude, Kreativität, Verbundenheit, Gast- und Hilfsbereitschaft ganz von selbst entstehen lassen?

Welcher Alltag könnte sogar so verlockend sein, dass er zunehmend „schirmsüchtige“ und immer apathischer werdende Kinder und Jugendliche aus dem fatalen Netz der modernen Rattenfänger herauslocken könnte?

Und – als wäre das nicht schon komplex genug – was wäre notwendig, wenn sich gleichzeitig Menschen indigener Kulturen darin wiederfinden sollen: Angehörige jener wenigen noch existierenden Kulturen, deren Lebensweisen Hinweise auf sehr alte menschliche Erfahrungen und damit möglicherweise auch auf die Wurzeln unserer modernen Zivilisation enthalten?

Es geht hier nicht darum, indigene Lebensweisen zu idealisieren und mit einem „natürlicheren“ oder gar besseren menschlichen Leben gleichzusetzen. Aber laut Hypothese dieses Experiments lassen sich vielleicht im Vergleich sehr unterschiedlicher Lebensweisen miteinander Hinweise darauf finden, welche Elemente eines menschenfreundlichen Alltags kulturbedingt sind – und welche möglicherweise ur-menschlich.

Deshalb wird die Teilnahme indigener Menschen als wichtiger Bestandteil des Experiments betrachtet. Nicht, weil indigene Menschen alle Antworten besitzen, die der modernen Welt fehlen, sondern weil der Vergleich ihrer Lebensweise mit der unsrigen einige Dinge sichtbar machen kann, die wir längst für selbstverständlich halten und deshalb kaum noch hinterfragen.

Ein einfaches Beispiel: Wir fragen uns, wie man Kinder dazu bringen könnte, weniger Zeit am Smartphone zu verbringen. Beim Blick auf eine Kultur, in der Kinder noch selbstverständlich die meiste ihrer Zeit draußen und miteinander verbringen (ein fast vergessenes Bild im modernen Leben), stellt sich plötzlich eine ganz andere Frage:

Warum haben wir eigentlich einen Alltag geschaffen, in dem reale Spielgemeinschaft, Abenteuer und unmittelbare sinnliche Erfahrungen so weit verschwunden sind, dass ein kleiner Bildschirm für Kinder zum attraktiveren Ort werden konnte?

Und andersherum gefragt: was fehlt einer indigenen Stammesgesellschaft, wenn es für Jugendliche nichts Begehrenswerteres gibt als ein Smartphone? 

Genau solche Fragen könnten durch das unmittelbare Aufeinandertreffen sehr unterschiedlicher Lebensweisen entstehen. Das Ziel wäre, über möglichst große kulturelle Unterschiede hinweg einen gemeinsamen Nenner zu suchen: für einen Alltag, der möglichst viele Aspekte des menschlichen Lebens umfasst und nicht erst im Urlaub, am Wochenende oder in außergewöhnlichen Augenblicken lebenswert wird. Denn vielleicht sollte die Lebensqualität einer Gesellschaft letztlich an etwas erstaunlich Einfachem gemessen werden:

Wie gerne verbringen ihre Menschen einen ganz gewöhnlichen Dienstag?

Von der Steinzeit in die Neuzeit und vice versa

 Was erfordert es wohl, dass sich Menschen aus der Geborgenheit, aber auch der einengenden Umklammerung ihrer dörflichen Gemeinschaften ein Stück herauswagen, um auf eine der faszinierendsten Errungenschaften der modernen Zivilisation treffen zu können: ein in der Geschichte der Menschheit bisher unbekanntes Maß an Individualisierung?

Und was erfordert es auf der anderen Seite, damit sich Menschen der modernen Zivilisation – abseits romantischer Naturvolk-Idealisierungen – auf etwas einlassen können, was ihnen scheinbar ziemlich abhandengekommen ist: die physische und emotionale Nähe zu Natur und Gemeinschaft?

Was früher glitzernde Glasperlen und Eisenteile waren, scheinen heute funkelnde Smartphones und ein Meer anderer industriell hergestellter Produkte zu sein, von denen die Welt zunehmend überschwemmt wird. Dazu gehört auch die moderne Medizin, die manchmal wie von Zauberhand imponierend schnelle Resultate erzielen kann. All dies scheint auf den ersten Blick das zu sein, was die westliche Zivilisation für Menschen aus indigenen Kulturen so attraktiv macht.

Doch dabei übersieht man leicht eine tiefere Ursache dieser Faszination. Eine Kultur, die dem Einzelnen zunehmend die Freiheit gibt, überlieferte Regeln infrage zu stellen, schafft zugleich außergewöhnlich günstige Bedingungen für Neuerung. Besonders seit der Aufklärung und der nachfolgenden Industrialisierung hat diese zunehmende Loslösung des Individuums von einengenden Regeln kleiner, überschaubarer Gemeinschaften wesentlich dazu beigetragen, einen unglaublichen Erfindungsreichtum freizusetzen. Damit begann zugleich eine Entwicklung vom Rudeltier zum Herdentier – wenn man unter dem Rudel die kleine, überschaubare Gemeinschaft persönlicher Beziehungen versteht und unter der Herde die anonyme Massengesellschaft, deren Mitglieder einander größtenteils nicht mehr persönlich kennen.

Diese Entwicklung hat inzwischen unüberschaubar große Konsequenzen für die gesamte Welt hervorgebracht – im Guten wie im Schlechten. Letzteres scheint allerdings inzwischen immer deutlicher hervorzutreten, was auf eine Kulmination und das Ende einer langen Ära hindeuten könnte, aber nicht muss. Und paradoxerweise könnte dabei selbst das Kronjuwel dieser Entwicklung, die Freiheit des Individuums, wieder zur Disposition stehen.

Denn dieselben Technologien, die dem Individuum historisch ungeahnte Möglichkeiten des Wissens, der Kommunikation und des persönlichen Ausdrucks eröffnet haben, ermöglichen gleichzeitig ein ebenfalls historisch ungeahntes Maß an Beobachtung und Steuerung seines Verhaltens. Social Scoring ist nur ein Beispiel dafür, wie sich erwünschtes und unerwünschtes Verhalten technisch erfassen, bewerten und mit Vorteilen oder Nachteilen verbinden ließe. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich neben der Überwachung des sozialen Verhaltens irgendwann auch Green-, Health- oder Political-Scoring vorzustellen.

Wir befinden uns damit zumindest technisch an einer Schwelle, die an Brave New World erinnert.

Und merkwürdigerweise führt uns dieser Weg in mancher Hinsicht zurück zu etwas sehr Altem: zur nahezu permanenten sozialen Sichtbarkeit in kleinen traditionellen Gemeinschaften. Dort kennt jeder jeden. Verhalten bleibt selten unbemerkt und das starke kollektive Sicherheitsbedürfnis geht in der Regel auf Kosten der individuellen Freiheit. Der einzige Unterschied wäre dann das technologische Niveau. Im Dorf kennt jeder jeden. In der digitalen Massengesellschaft kann theoretisch jeder beobachtbar werden, allerdings ohne dass man überhaupt noch jemanden persönlich kennen muss. Eine solche “schöne neue Welt” wäre technologisch unendlich weiter entwickelt als traditionelle indigene Gesellschaften. Ob sie deshalb auch menschlich weiter entwickelt wäre, ist eine ganz andere Frage. Denn bei allen Begrenzungen haben viele traditionelle indigene Kulturen etwas bewahrt, das modernen Gesellschaften zunehmend abhandenzukommen scheint: physische und emotionale Nähe zu Mensch und Natur.

Zwei Kulturformen – zwischen Freiheit und Geborgenheit

Wer es noch nicht selbst erlebt hat, könnte Schwierigkeiten haben, sich das Ausmaß des kulturellen Gefälles vorzustellen.

Menschen traditioneller indigener Kulturen sind häufig weit weniger individualisiert, dafür aber stärker eingebettet in Gemeinschaft und Natur. Mehr emotionale Geborgenheit und materielle Absicherung innerhalb der Gemeinschaft können dort mit weniger Selbstständigkeit und persönlicher Freiheit verbunden sein.

Der moderne Mensch dagegen ist stärker individualisiert und gewohnt, ständig eigenständige Entscheidungen zu treffen, ist dafür aber emotional häufig weniger in seine unmittelbare Umgebung integriert. Mehr individuelle Selbstständigkeit und persönliche Freiheit können mit emotionaler Entfremdung und ständig drohender materieller Unsicherheit einhergehen.

Vielleicht teilen beide Kulturformen dabei eine uralte menschliche Angst: den unfreiwilligen Verlust der Gemeinschaft.

Denn wer genauer hinschaut, wird feststellen, wie viele unserer Gedanken und Handlungen darum kreisen, die Aufmerksamkeit der „Anderen“ auf uns zu ziehen – in welcher Form auch immer. Selbst der Egozentriker benötigt dringend die Aufmerksamkeit der „Anderen“, ohne die er gar kein Egozentriker sein könnte.

Die sozialen Medien sind wohl nicht zufällig so ein enormer Erfolg geworden. Sie sprechen zwei menschliche Bedürfnisse gleichzeitig an, die auf den ersten Blick beinahe widersprüchlich erscheinen:

ICH SEIN – und von den ANDEREN darin gesehen werden. 

Sie ermöglichen persönlichen Ausdruck in einem Ausmaß, das früher weitgehend einer kleinen kulturellen Elite im Rampenlicht der Öffentlichkeit vorbehalten war, und versprechen gleichzeitig die Aufmerksamkeit der anderen. Wenn man diese Erscheinung nur als eine Bühne des Narzissmus abtut, hat man noch nicht genug hinter die Kulissen geschaut. Sie spricht nämlich ein bisher vernachlässigtes und nun kräftig wachsendes Grundbedürfnis des Menschen an. Der enorme Erfolg der sozialen Medien scheint genau darauf zu beruhen. 

Dieses Bedürfnis nach ausreichender Ausdrucksmöglichkeit und danach, von anderen dabei wahrgenommen zu werden, sollte deshalb unbedingt im Auge behalten werden, wenn man an die Gestaltung eines menschenfreundlichen Alltags denkt. Es ist vielleicht die grösste Herausforderung von allen, denn man konkurriert mit der Abhängigkeit von der machtvollen neuen Volksdroge, dem Smartphone. Weitergehende Technologien werden demnächst folgen. Stichwort: Metaverse. 

Vielleicht liegt die gesuchte Verbindung nahe bei dem, was C. G. Jung Individuation nannte: Eigenständigkeit nicht als Absonderung, sondern als Entwicklung einer unverwechselbaren Persönlichkeit, die ihre Verbundenheit mit anderen nicht verliert.

Vielleicht können sich gerade diese beiden Kulturformen, die historisch kaum weiter voneinander entfernt erscheinen könnten, besonders gut ergänzen.

Die Frage wäre dann nicht, ob der moderne Mensch zurück in die Stammesgemeinschaft soll oder der indigene Mensch möglichst schnell modern werden sollte.

Die Frage lautet:

Lassen sich individuelle Freiheit und gemeinschaftliche Geborgenheit miteinander verbinden, ohne jeweils die Schattenseiten der jeweiligen Kulturform mit in Kauf nehmen zu müssen?

Oder, auf den Alltag heruntergebrochen:

Kann ich hier sehr eigenständig sein – und mich trotzdem sehr verbunden fühlen?

Dass dies möglich sein könnte – allerdings nur an einem Ort mit einem entsprechend eingerichteten Alltag –, ist zumindest die Hypothese dieses Experiments. Die Wirklichkeit wird es zeigen,  eine Geschichte darüber könnte in der Öffentlichkeit reges Interesse erzeugen. Dafür einen Rahmen zu bieten, ist die Aufgabe des Story Labs.  

ANALYSE – Vergangenheit und Gegenwart

Geschichten des Mangels 

Im Prinzip erzählen wir uns heute noch immer dieselbe Art von Geschichten wie unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren. Es sind Geschichten vom Mangel jeglicher Art, von Angst vor Verlust und Leid in einer Welt voller Gefahren. Die meisten Sagen und religiösen Schriften legen davon reichlich Zeugnis ab – ebenso wie die heutige Produktion von Geschichten aller Art, die tägliche mediale Berichterstattung eingeschlossen.

Sie erzählen vom Leben als einer Abfolge schwieriger Herausforderungen, Gefahren und Prüfungen. Fast so, als dürfe das Leben alles sein – nur eines nicht:

Einfach

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet die alte taoistische Vorstellung des Wu Wei. Berühmt ist das Zitat eines der Altmeister: 

„Lieber Nichtstun als mit viel Aufwand wenig erreichen“.

Gemeint ist damit nicht, den ganzen Tag auf der faulen Haut herumzuliegen, sondern ein Handeln, das nicht ständig gegen die Wirklichkeit ankämpft und Dinge erzwingen will, auf welche Art auch immer. Tun ohne unnötige Anstrengung. Handeln im Einklang mit der Wirklichkeit bedeutet letztendlich, seiner Intuition zu folgen statt seinen Gedanken, die in der Regel nicht dem innersten Kern entspringen, sondern vom jeweiligen Umfeld geprägt wurden.   

Die moderne westliche Lebensweise könnte man dagegen manchmal geradezu als Anti-Wu-Wei bezeichnen.

Viel Aufwand bedeutet Wichtigkeit. Stress gilt als Zeichen von Leistung. Beschäftigtsein signalisiert Bedeutung. Und was schwer zu erreichen ist, muss offenbar wertvoller sein als das, was leicht von der Hand geht.

Dabei könnte man die Frage auch einmal umdrehen:

Was wäre, wenn Einfachheit kein Zeichen von Faulheit wäre, sondern von gelungenem Design?

Im Schweiße deines Angesichts

Ein mächtiges Bild der westlichen Kultur findet sich bereits am Anfang des Alten Testaments:

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst“.

Arbeit erscheint dort im Zusammenhang mit der Vertreibung aus dem Paradies als Teil eines Lebens voller Mühsal – ausgerechnet nachdem der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. Man könnte darin eine Bestrafung genau jener menschlichen Neugier erkennen, die später zu einem der wichtigsten Motoren menschlicher Entwicklung werden sollte.

Natürlich hat dieser eine Satz nicht die menschliche Arbeitswelt erschaffen. Menschen kannten Mühsal, Hierarchien und Ausbeutung lange bevor diese Worte niedergeschrieben wurden. Wahrscheinlicher ist, dass die Geschichte eine bereits bestehende Erfahrung in ein starkes Bild fasste, das die Umstände erklären sollte:

Erkenntnis – Vertreibung – Mühsal – Schweiß – Tod – warum all das? In der damaligen Vorstellungswelt blieb da wahrscheinlich nur ein erboster Gott übrig als Erklärung.   

Doch genau hier wird es für die Frage nach der Macht von Narrativen interessant.

Denn Geschichten können zunächst aus einer vorhandenen Wirklichkeit entstehen. Werden sie oft genug weitererzählt, können sie jedoch zu Narrativen werden, durch die spätere Generationen wiederum ihre Wirklichkeit betrachten – und gestalten!

Vielleicht hat also nicht dieses Narrativ die mühselige Arbeit erfunden. Aber es könnte dazu beigetragen haben, sie als etwas Unvermeidliches, Natürliches oder sogar Gottgewolltes erscheinen zu lassen.

Und damit beginnt die Rückkopplung. Das Narrativ macht aus einer ursprünglichen Momentaufnahme einen scheinbar unabänderlichen Dauerzustand.

Arbeit –  Strafe oder Privileg? 

Man könnte dasselbe Zitat nämlich völlig anders interpretieren und damit eine andere Geschichte erzählen. 

Die Fähigkeit, mit Hand und Verstand Dinge zu erschaffen, gehört zu den erstaunlichsten menschlichen Fähigkeiten überhaupt. Passionierte Bauern, Gärtner, Handwerker, Köche, Künstler und Musiker können ein Loblied darauf singen.

Säen und ernten. Einen Tisch bauen. Ein Haus errichten. Brot backen. Ein Kleid nähen. Einen Krug töpfern. Ein Instrument spielen.

Warum sollte ausgerechnet diese Fähigkeit eine Strafe sein?

Über weite Teile der Zivilisationsgeschichte wurde jedenfalls gerade die Möglichkeit, nicht körperlich arbeiten zu müssen, zum Statussymbol. Blasse Haut, weiche Hände, Fettleibigkeit und verschmutzte Kleidung  signalisierten: Ich gehöre nicht zu denen, die draußen im Schweiß ihres Angesichts ihr Brot verdienen müssen.

So entstand ein bemerkenswertes Heer von – nennen wir sie ruhig einmal etwas provokant – „arbeitsschweißscheuen Elementen“.

Nicht unbedingt Menschen, die überhaupt nichts tun wollten. Aber Menschen, die möglichst vermeiden wollten, jene schweißtreibenden körperlichen Arbeiten verrichten zu müssen, die gesellschaftlich mit niedrigem Status verbunden waren.

Könige, Adlige, Klerus, Militär, Bürokratien, Spekulanten und andere privilegierte Gruppen wollten aber gleichzeitig auf hohem Niveau von genau den Menschen leben, deren Arbeit gesellschaftlich geringer angesehen  war. Die “Arbeitsschweißscheuen” in ihren Palästen und Villen erfuhren durch ihre körperliche Trägheit schon damals bereits erste Wohlstandskrankheiten. Daran hat sich nichts geändert, außer dass sie heute eher sonnengebräunt sind von den Luxusferien-Aufenthalten, was das gemeine Volk nachzuahmen versucht mit Hilfe von Billig-Urlauben im sonnigen Süden und Aufenthalten in  Sonnenstudios.

Das Paradoxe dieser Sichtweise bzgl. körperlicher Arbeit reicht bis in unsere Gegenwart, wo Büroarbeit mehr geschätzt und oft besser bezahlt wird als Arbeit unter freiem Himmel, wo man ins Schwitzen geraten und sich dreckig machen könnte.

Heute verbringt ein moderner Mensch durchschnittlich acht Stunden sitzend in einem klimatisierten Raum vor einem Bildschirm (plus durchschnittlich 2 -3 Stunden in der Freizeit), fährt im möglichst klimatisierten Auto nach Hause – und bezahlt anschließend Geld dafür, in einem Fitnessstudio zu schwitzen, schwere Gegenstände hochzuheben oder auf einem Laufband zu laufen, ohne jemals irgendwo anzukommen. Denn die Reichen sind heutzutage gesundheitsbewusster und besser durchtrainiert, was dann entsprechend propagiert wurde in den Medien, bis es zur Mode wurde, die man in breiten Kreisen versucht, nachzuahmen. Denn nach wie vor schaut das gemeine Volk auf zu denjenigen, die  nicht im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen.

Vielleicht ein weiterer Fall für das DDUPHB – Department for the Decoding of Unexplained Phenomena of Human Behavior. Mit dieser etwas selbstironischen Bezeichnung ist eine durchaus ernstgemeinte Beschäftigung verbunden, die im Story Lab ihren festen Platz hat, nämlich das vollständige Entschlüsseln von bisher unzureichend oder gar nicht erklärten Phänomenen menschlichen Verhaltens.

Was bedeutet eigentlich Wohlstand?

Hier lohnt sich ein Blick auf traditionelle Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. Der Anthropologe Marshall Sahlins provozierte einst mit der Bezeichnung „The Original Affluent Society“ – die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft.

Nicht weil diese Menschen besonders viel besessen hätten, sondern weil sich damit eine ganz andere Definition von Wohlstand aufdrängte:

Wohlstand kann dadurch entstehen, dass man viel besitzt – oder dadurch, dass man wenig benötigt.

Einige Untersuchungen traditioneller Gesellschaften ergaben überraschend geringe Zeiten für die unmittelbare Nahrungsbeschaffung. Kinderbetreuung, Essenszubereitung, Wasser- und Feuerholzbeschaffung, Werkzeugherstellung, Reparaturen und andere Tätigkeiten gehören ebenfalls zu den täglichen Tätigkeiten.

Die entscheidende Frage bleibt trotzdem bestehen:

Ist eine Gesellschaft reich, wenn sie immer mehr Dinge produziert – oder wenn ihre Menschen genügend Zeit zum Leben haben?

Der moderne Familienmensch kann mit Erwerbsarbeit, Transport, Einkauf, Haushalt, Kinderbetreuung und Verwaltung leicht einen Großteil seiner wachen Tageszeit verbringen. In der Regel sind das 12–14 Stunden. Die sogenannte „Qualitätszeit“ mit Familie und Freunden wird dann auf Wochenenden und Urlaube ausgelagert – wo man versucht, das verpasste „gute Leben“ nachzuholen. Das heißt, wenn man nicht schon zu erschöpft dazu ist.

Spinnen wir das Gegen-Narrativ einmal weiter.

Was wäre wohl geschehen, wenn körperliche Arbeit über Jahrtausende nicht mit Mühsal, Unterordnung und niedrigem Status verbunden worden wäre, sondern mit Schaffensfreude, Selbstständigkeit und menschlicher Würde?

Es ist ein Gedankenexperiment.

Aber genau darum geht es schließlich beim Geschichtenerzählen.

Stellen wir uns also einmal Bauern, Gärtner, Handwerker, Händler, Köche, Künstler und Musiker vor, die ihre Tätigkeit nicht als notwendiges Übel betrachten, sondern als Möglichkeit, der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen – und deren Lebensweise so eingerichtet ist, dass niemand einen großen materiellen Mangel fürchten muss. Wahrscheinlich hätten sich dann weniger Menschen um prunkvolle Throne und stressige Führungsposten gerissen. Feldherren hätten wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt, Soldaten für ihre Feldzüge zu finden. Wahrscheinlich hätten Tätigkeiten, deren einziger Reiz in Geld, Macht und Status bestand, von vornherein weniger Interessenten gefunden, da Kreativität, Spontanität, Schaffens- und Lebensfreude attraktivere Eigenschaften dargestellt hätten als jede Menge an Besitztümern. 

Und wenn ein großer gesellschaftlicher Wasserkopf nicht ständig von den produktiv Tätigen hätte mitversorgt werden müssen, wäre auch deren notwendige Arbeitszeit erheblich geringer gewesen.

Drei oder vier Stunden täglicher Einsatz für alle notwendigen Bedürfnisse des täglichen Lebens? Einige Naturvölker machen es vor, und vielleicht ginge es auch noch besser, damit es nicht nur zum Überleben, sondern auch zum “guten Leben” reicht. 

Warum nicht wenigstens einmal ausprobieren, ob sich das machen lässt? Nicht als historische Behauptung, sondern als Gestaltungsfrage für einen andersartigen Alltag.

Bei Gelingen wäre „das gute Leben“ dann nicht die Belohnung nach der Arbeit, sondern die tägliche sinnvolle Arbeit ein Teil davon.

Der Eros des Alltags

Damit kommen wir zu einer weiteren Form von Mangel, die in modernen Gesellschaften und selbst in den utopischsten Gesellschaftsentwürfen erstaunlich wenig Beachtung findet: der Eros des gewöhnlichen Alltags.

Mit Eros ist hier ausdrücklich nicht nur Sexualität gemeint. Es geht um sinnliches Erleben überhaupt.

Den Duft eines Gartens nach einem Sommerregen wahrnehmen. Mit den Händen in der Erde nach Kartoffeln graben. Einen Krug töpfern. Holz bearbeiten. Kochen. Glucksenden Kindern und dem Gegacker der Hühner lauschen. Vorbeiziehende Wolken aus einer Hängematte betrachten oder vom Straßencafé aus Menschen beim Vorüberschlendern beobachten. Eine tägliche Portion Flirt und ein Schäferstündchen hier und da – was gibt es mehr Lebensbejahendes? 

Doch wer hat dafür noch Zeit?

Und vielleicht noch wichtiger:

Wer hat noch Sinn dafür?

Der moderne Alltag verlagert immer größere Teile menschlicher Aufmerksamkeit in Bildschirme. Arbeit findet dort statt, Kommunikation findet dort statt, Unterhaltung findet dort statt, Partnersuche findet dort statt – zunehmend sogar Abenteuer, Erotik und Gemeinschaft. Metaverse  klopft laut an. Der Eros des Alltags verschwindet nicht unbedingt. Er wird ausgelagert in eine virtuelle, illusionäre Welt. 

Das „gute Leben“, sofern überhaupt noch bekannt, findet dann später statt: nach Feierabend, am Wochenende, im Urlaub, nach der Karriere, nach der nächsten Gehaltserhöhung. Nur heute nicht.

Narrative – Ursache oder Wirkung?

Damit kommen wir zur berühmten Huhn-und-Ei-Frage:

Hat das Narrativ die Wirklichkeit erschaffen – oder wurde das Narrativ geschaffen, um eine bereits vorhandene Wirklichkeit zu erklären?

Wenn man sich z.B. den Rest des Alten Testaments anschaut, erscheint die eingangs vermutete Fehlinterpretation des Zitats über die tägliche Arbeit zumindest weniger eindeutig. Denn das Werk ist voller Härten des menschlichen Daseins und enthält eine kaum überschaubare Zahl von Geschichten über Gewalt, Krieg, Vertreibung, Bestrafung, Unterwerfung bis hin zum Genozid. 

Damit soll keineswegs behauptet werden, diese heute noch lebendigen Geschichten wären die Alleinursache für die heutigen Konflikte des Nahen Ostens. Aber gerade dort lässt sich beobachten, wie ungeheuer langlebig Narrative sein können. Jahrtausende alte Vorstellungen von Herkunft, Zugehörigkeit, Verheißung, Opfer, Schuld und Land treffen auf moderne nationale, politische und religiöse Gegenerzählungen. Menschen kämpfen schließlich nicht nur um Land. Sie kämpfen auch darum, welche Geschichte dieses Land erzählt.

Vielleicht zeigt sich gerade hier der eigentliche Mechanismus:

Wirklichkeit erzeugt Geschichten.

Geschichten werden zu Narrativen.

Narrative beeinflussen Wahrnehmung und Handeln.

Daraus entsteht neue Wirklichkeit.

Und diese erzeugt wiederum neue Geschichten.

Geschichten schreiben Geschichte – und Geschichte schreibt neue Geschichten.

Das gilt keineswegs nur für Religion.

Jede Epoche besitzt Institutionen und Personengruppen, denen besondere Autorität bei der Erklärung der Wirklichkeit zugeschrieben wird. Einst waren es häufig Priester und religiöse Gelehrte. Heute besitzen unter anderem Wissenschaft und deren Institutionen enorme gesellschaftliche Deutungsmacht.

Das bedeutet selbstverständlich nicht automatisch, Wissenschaft sei nur eine neue Religion oder ein Wissenschaftler ein moderner Priester. Der Unterschied zwischen überprüfbarer Erkenntnis und Glaubenslehre ist fundamental.

Interessant für das Story Lab ist eine andere Frage:

Wann wird aus Wissen Deutungsmacht – und wann wird aus Deutungsmacht ein Narrativ, das kaum noch jemand zu hinterfragen wagt? Auch das könnte ein Fall für das Decoding-Team sein.

Das Narrativ vom harten Leben 

Wahrscheinlich ist also nicht eine einzelne Bibelstelle verantwortlich für unsere Einstellung zur Arbeit. Vielleicht war auch das gesamte religiöse Narrativ seinerseits zunächst ein Versuch, bereits bestehende Zustände zu erklären.

Menschen erlebten Hunger, Krankheit, Naturkatastrophen, Gewalt, harte Arbeit und frühen Tod.

Also erzählten sie Geschichten, die dieser Wirklichkeit Sinn gaben. Schon im damaligen Nahen Osten herrschte ein monotheistischer Glaube an einen allmächtigen und manchmal etwas zornigen Gott vor.

Doch werden solche Geschichten über Jahrhunderte oder Jahrtausende weitererzählt, konnten sie wiederum dazu beitragen, bestehende Zustände als unvermeidbar hinzunehmen:

Das Leben ist eben hart.

Man muss kämpfen.

Man muss sich durchsetzen.

Man muss vorsorgen.

Man muss gewinnen.

Man muss sich seinen Platz verdienen.

Und nur einige wenige schaffen es eben nach oben.

Interessanterweise findet man die Geringschätzung körperlicher Arbeit keineswegs nur in abrahamitisch geprägten Gesellschaften. Auch andere sogenannte Hochkulturen entwickelten ausgeprägte gesellschaftliche Hierarchien und Eliten, die sich gerade dadurch auszeichneten, dass andere die körperliche Arbeit für sie verrichteten.

Vielleicht steckt darin neben Bequemlichkeit und Machtstreben sogar etwas ursprünglich Positives: der Wunsch, sich von der Gruppe zu lösen, Zeit für sich selbst zu gewinnen und etwas Eigenes zu entwickeln.

Auch andere alte Narrative könnte man einmal gegen den Strich lesen. „Dein Wille geschehe“ bedeutet im traditionellen christlichen Verständnis die Unterordnung unter den Willen eines allmächtigen Gottes. Aber als Gedankenexperiment ließe sich der Satz auch umdrehen: Was wäre, wenn das Göttliche nicht als äußere Instanz gedacht würde, sondern als schöpferische Fähigkeit des Menschen selbst?

Dann könnte derselbe Satz beinahe zu einem Mantra der Individuation werden:

Finde heraus, was wirklich dein Wille ist – und bringe ihn in die Welt.

Nicht als neue Bibelauslegung, sondern als Beispiel dafür, wie sehr ein anderes inneres Bild die Bedeutung einer Geschichte verändern kann.

Individualisierung

Wieder begegnen wir also einem Phänomen, das gleichzeitig Gewinn und Verlust bedeuten kann.

Ähnliches zeigen historische Gesellschaften, in denen Abenteuer, Prestige und Anerkennung eine große Rolle spielten. Wikinger gingen nicht aus Hunger auf Fahrt, und Māori-Krieger kämpften nicht aus materieller Not. Abenteuerlust, Status und das Bedürfnis, von den „Anderen“ gesehen und anerkannt zu werden, können ebenfalls enorme menschliche Antriebskräfte sein.

Auch diese Faktoren müssen berücksichtigt werden, wenn man einen Alltag entwerfen will, der das gute Leben zum Leitfaden nimmt.

Denn Menschen brauchen nicht nur Sicherheit.

Sie brauchen auch Herausforderungen, Ausdruck, Anerkennung und Abenteuer. Die sozialen Medien sind ein schwacher und sehr ungesunder Ersatz für dieses Bedürfnis.

Die eigentliche Mangelware

Vielleicht führt die Spur damit zu einem noch grundlegenderen Mangel.

Nicht Geld.

Nicht Besitz.

Nicht einmal Arbeit.

Sondern:

Aufmerksamkeit.

Das Bedürfnis, von anderen wirklich wahrgenommen zu werden.

Viele menschliche Bemühungen um Status, Macht, Reichtum und Anerkennung könnten zumindest teilweise Versuche sein, diesen Mangel auszugleichen.

Sich ausreichend “gesehen” fühlende Menschen brauchen möglicherweise weniger Statussymbole, weniger gesellschaftliche Überlegenheit und weniger äußere Bestätigung. Sie können ihre Energie stärker auf sich selbst, andere Menschen und ihre unmittelbare Umgebung richten.

Das ist zunächst eine Hypothese.

Aber eine, die für einen menschenfreundlichen Alltag so bedeutsam sein könnte, dass sie unbedingt untersucht werden sollte.

Denn vielleicht ist echte zwischenmenschliche Aufmerksamkeit eine jener Ressourcen, die in einer materiell ungeheuer reichen Gesellschaft erstaunlich knapp geworden sind.

Am Anfang war das Wort… 

. und am Ende die Verwirrung, könnte man meinen.

Vielleicht hätte es besser heißen sollen „Am Anfang war das Bild“.

Denn entscheidend ist nicht nur, welche Wörter eine Geschichte benutzt, sondern welche inneren Bilder sie hervorruft – und noch mehr, welche Gefühle mit diesen Bildern verbunden sind. Das sind die stärksten Katalysatoren, nicht Gedanken, wie so oft angenommen.

Beim Wort Arbeit kann das Bild ein erschöpfter Mensch sein, der sein Leben lang für jemand anderen schuftet.

Es kann aber auch ein Gärtner sein, der morgens zwischen seinen Pflanzen steht. Ein Schreiner vor einem gerade fertiggestellten Tisch. Eine Köchin, die anderen etwas vorsetzt, auf das sie stolz ist. Ein Musiker auf der Straße. Kinder, die daneben herumtoben. Eine Pause in der Hängematte.

Eine der Aufgaben des Story Labs darin, solche Bilder wieder miteinander zu verbinden:

Tätigkeit und Freude.

Eigenständigkeit und Gemeinschaft.

Sicherheit und Abenteuer.

Sinnlichkeit und Alltag.

Nicht als Flucht in eine imaginäre heile Welt, sondern als Vorlage für Lebensweisen, die anschließend praktisch ausprobiert werden können.

Denn theoretisch können wir unsere Perspektive tatsächlich von einem Tag auf den anderen verändern. Die materiellen Altlasten verschwinden dadurch selbstverständlich nicht. Atommüll, Batterieschrott, Chemikalien, Plastikberge, zerstörte Ökosysteme und gesellschaftliche Strukturen bleiben bestehen und werden uns noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte beschäftigen. Genauso verschwinden Traumata, von denen wir alle mehr oder weniger geplagt sind, auch nicht mal so eben über Nacht. 

Aber etwas anderes könnte sich sehr viel schneller verändern:

die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit.

Gerade für jüngere Menschen könnte es einen gewaltigen Unterschied machen, ob Zukunft hauptsächlich als etwas Unabänderliches erscheint, vor dem man Angst haben muss – oder als etwas, das man gestalten kann.

Dafür Vorlagen zu entwickeln, zunächst als Geschichten und später, was davon davon trägt, durch praktische Realisierung – darum geht es im Story Lab.

Denn am Ende ist die Frage nach Ursache und Wirkung vielleicht gar nicht so kompliziert:

Erst erzeugt Wirklichkeit Geschichten. Dann verändern Geschichten die Wirklichkeit.

Oder in der Sprache dieses Experiments:

Stories → Places → Everyday Life → People → Stories.

Und dann beginnt die nächste Runde in der Spirale.

Michael Ende hat diesen Zusammenhang in ‘Die unendliche Geschichte’ auf besonders schöne Weise beschrieben. Der jugendliche Protagonist beginnt als Leser, als Beobachter einer fremden Geschichte. Doch irgendwann reicht das Lesen nicht mehr. Er muss selbst in die Geschichte eintreten – und wird dadurch vom Zuschauer zum Mitwirkenden an einer Welt, die ohne ihn im Nichts zu verschwinden droht.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur der Übergang vom Lesen zum Handeln. Der Protagonist entdeckt, dass seine Vorstellungen und Wünsche tatsächlich Wirklichkeit erschaffen können – aber auch, dass er erst herausfinden muss, was er wirklich will. „Tu, was du willst“ lautet die Inschrift des Auryn. Vielleicht ist genau das die schwierigste Voraussetzung jeder ernsthaften Zukunftswerkstatt: nicht nur zu wissen, was man nicht mehr will, sondern ein hinreichend klares Bild davon zu entwickeln, was man stattdessen wirklich will.

Und irgendwann genügt auch dieses Bild nicht mehr. Man muss in die Geschichte eintreten und Handlung vollführen. 

Entschlüsseln statt ur-teilen

Hier geht es um die „Detektivarbeit“ des Decoding. Eine der Grundregeln lautet:

Nicht zuerst fragen: Wer ist schuld?

Sondern: Wie konnte es dazu kommen?

Niemandem – absolut niemandem – sollte vorschnell unterstellt werden, bestimmte gesellschaftliche Zustände oder die dazugehörigen Narrative bewusst und mit boshafter Absicht geschaffen zu haben. Menschen handeln gewöhnlich innerhalb einer Vorstellung davon, was richtig, notwendig, vernünftig oder zumindest in der jeweiligen Situation unvermeidlich sei.

Das gilt sogar für extreme historische Beispiele.

Selbst Menschen, deren Handlungen wir heute als monströs betrachten, handelten nicht notwendigerweise mit dem Selbstverständnis: Ich tue jetzt das Böse.

Adolf Hitler etwa betrachtete seine rassistische und mörderische Weltanschauung offenbar nicht als böse, sondern als historisch notwendig. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ – ein älterer Spruch, den der Nationalismus seiner Zeit aufgriff – bringt etwas von diesem missionarischen Größenwahn zum Ausdruck.

Ähnliches gilt, unter völlig anderen ideologischen Vorzeichen, für Josef Stalin und andere Vertreter totalitärer kommunistischer Systeme. Eine Idee, die ursprünglich Befreiung und Gleichheit versprach, endete in Terror und Unterdrückung. 

Wenn man verhindern will, dass so etwas wieder geschieht, genügt es nicht, seine Protagonisten zu Teufeln zu erklären. Man muss verstehen, wie aus Menschen Teufel werden können – und warum andere Menschen ihnen folgen.

Die entscheidenden Fragen zum Decoding lauten deshalb:

Welche Geschichte musste ein Mensch glauben, damit sein Handeln für ihn selbst sinnvoll erschien? Wo hatte diese Geschichte, die irgendwann zum allgemeingültigen Narrativ wurde, ihren Ursprung? 

Und:

Welche Umstände mussten vorhanden sein, damit genügend andere Menschen diese Geschichte mittrugen?

Wer nicht ur-teilt, was eigentlich zusammengehört, nähert sich dem Urgrund des Menschseins wieder beträchtlich an.

Been there, done that

Nach einigen Tausend Jahren sogenannter Hochkultur könnte man manchmal resigniert sagen:

Been there, done that. Reicht’s nicht bald mal? 

Ungeheure Mengen menschlicher Energie, Einfallsreichtum und nicht selten echtes Herzblut sind im Laufe der Geschichte in Vorstellungen geflossen, die späteren Generationen merkwürdig, absurd oder geradezu wahnsinnig erscheinen.

Monumentale Grabanlagen, Tempel, Paläste, Befestigungsanlagen und andere Großprojekte zeugen bis heute davon, wie viel Lebenszeit ganze Gesellschaften für die Verwirklichung ihrer jeweiligen Vorstellungen von Gott, Macht, Ewigkeit, Sicherheit oder gesellschaftlicher Ordnung aufwenden konnten.

Das bedeutet nicht, dass beispielsweise die ägyptischen Pyramiden einfach nur sinnlose Produkte eines verrückten Zeitgeistes gewesen wären. Für diejenigen, die sie errichteten, besaßen sie offenbar Bedeutung – und genau das macht sie für unsere Frage interessant.

Denn vielleicht sollten wir weniger darüber lächeln, was frühere Kulturen für selbstverständlich hielten, und stattdessen fragen:

Welche unserer heutigen Selbstverständlichkeiten werden Menschen in fünfhundert Jahren betrachten und sich fragen: Wie konnten vernünftige Menschen dafür derart viel Lebenszeit und Energie aufwenden?

Vielleicht unsere täglichen Verkehrsstaus? Unsere Bürohochhäuser? Unsere Einkaufszentren? Unsere endlosen Verwaltungsapparate? Unsere Krankheitssysteme? Unsere digitalen Parallelwelten? Unsere Umweltverschmutzung? Unsere Hektik? 

Da könnten noch viele andere Dinge auftauchen, die uns gerade deshalb nicht auffallen, weil wir mitten darin leben.

Karma – oder einfach Gesetzmäßigkeit?

Manche Menschen sprechen in diesem Zusammenhang von Karma oder einer Art göttlicher Gerechtigkeit.

Die Beobachtung dahinter ist interessant: Einzelne Menschen, Familien und manchmal ganze Gesellschaften scheinen immer wieder in erstaunlich ähnliche Konflikte und Problemlagen zu geraten.

Vielleicht wäre dafür jedoch das Wort Gesetzmäßigkeit interessanter als „Gerechtigkeit“.

Denn zumindest ein Teil solcher Wiederholungen könnte dadurch entstehen, dass Menschen mit denselben tief verankerten Vorstellungen immer wieder ähnliche Entscheidungen treffen, sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene. Wer die Geschichte verändert, durch die er seine Welt betrachtet, verändert normalerweise auch die Entscheidungen, die daraus entstehen.

Aber daraus folgt nicht zwangsläufig, dass Menschen jedes Unglück durch ihre Geschichten selbst erschaffen. Krankheit, Naturkatastrophen, Krieg, Gewalt oder wirtschaftlicher Zusammenbruch können Menschen treffen, ohne dass deren persönliches Narrativ scheinbar irgendetwas damit zu tun hat. Genauso wenig mag das zutreffen für einen glücklichen Lottogewinner. Wir sind weder vollständig die Autoren unseres Lebens noch bloß Figuren in einer Geschichte, die jemand anderes geschrieben hat.

Das große Nichtwissen

Und irgendwann stößt auch die Detektivarbeit des Decoding an eine Grenze.

Warum existiert überhaupt etwas? Warum gibt es Bewusstsein? Warum dieses erstaunliche Universum und ausgerechnet Wesen darin, die darüber nachdenken können, warum es existiert?

Ob man die Ursache Gott, Natur, Zufall, Schöpfung, kosmisches Bewusstsein oder sonst wie nennt, ändert wenig daran, dass wir letztlich vor einem Geheimnis stehen.

Große und kleine Geister haben seit Jahrtausenden versucht, dieses Rätsel endgültig zu lösen – und manche verkaufen ihre jeweilige Erklärung anschließend sogar als Weisheit.

Vielleicht beginnt Weisheit aber gerade an der entgegengesetzten Stelle: beim Eingeständnis des Nichtwissens.

Oder, frei nach Sokrates:

Zu wissen, dass man nicht weiß.

Für das Decoding ist das keine Kapitulation, sondern Voraussetzung. Denn wer die Antwort bereits kennt, braucht nichts mehr zu untersuchen.

 

KONKLUSION – Gegenwart und Zukunft 

Geschichten der Fülle

Die lange Analyse der Vergangenheit und Gegenwart sollte anhand eines Beispiels zeigen, was die Interpretation eines kleinen Details in einer Geschichte anrichten – und eine andere Interpretation ausrichten kann.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Wie könnte man Fehlinterpretationen vermeiden?

So, wie man es vermeidet, wenn man eine funktionierende Maschine entwickeln will:

Man geht ins Detail.

Beim bereits ausgiebig strapazierten Bibelzitat vom „im Schweiße deines Angesichts“ hätte das bedeutet, ein möglichst klares Bild davon zu liefern, wie dieser Alltag eigentlich aussehen soll.

Oder wie man auf Dänisch sagt: skære det ud i pap – es so deutlich machen, dass man es beinahe aus Pappe ausschneiden könnte.

Statt des zu lebenslanger harter Arbeit verurteilten Malochers hätte das Bild aus schaffensfreudigen Bauern, Gärtnern, Handwerkern, Händlern, Köchen, Künstlern, Musikern und Dichtern bestehen können, die gemeinsam “das gute Leben” pflegen.

Nicht Arbeit oder Leben. Nicht erst Arbeit und irgendwann danach Leben, sondern die tägliche Tätigkeit als Bestandteil des „guten Lebens“.

Natürlich lebt Literatur von Mehrdeutigkeit. Ein Roman, der jeden Gedanken bis ins Letzte erklärt, wird schnell zur Gebrauchsanweisung. Aber wenn eine Geschichte gleichzeitig Vorlage für eine mögliche Lebensweise sein soll, genügt es nicht, nur eine schöne Richtung anzudeuten.

Dann braucht es irgendwann Butter bei die Fische.

Wie wohnen die Menschen? Wie arbeiten sie? Was essen sie? Wie kümmern sie sich um Kinder und Alte? Wie gehen sie mit Besitz, Liebe, Eifersucht und Sexualität um? Mit Konflikten, Langeweile, Krankheit und Macht? Und mit Menschen, die keine Lust haben mitzumachen?

Und nicht zuletzt:

Wie sieht dort ein ganz gewöhnlicher Dienstag aus?

Erst in solchen Details wird aus einer Idee ein vorstellbarer Alltag.

Das Phänomen der erschaffenden Aufmerksamkeit 

„Was Aufmerksamkeit erhält, gedeiht“, lautet eine alte Gärtnerweisheit.

Ob man darin Psychologie, Kulturmechanik, das viel vermarktete „Gesetz der Anziehung“ oder etwas Metaphysisches sehen möchte, kann zunächst dahingestellt bleiben.

Ein einfacher Zusammenhang genügt:

Was unsere Aufmerksamkeit erhält, gewinnt Bedeutung – und beeinflusst damit unsere Entscheidungen.

In diesem Sinne ist Aufmerksamkeit tatsächlich schöpferisch.

Nie zuvor stand einem großen Teil der Menschheit eine solche Menge an Waren, Informationen, Unterhaltungsmöglichkeiten und technischen Hilfsmitteln zur Verfügung. Trotzdem scheint es nie genug zu sein.

Mehr Einkommen, mehr Wohnraum, mehr Sicherheit, mehr Wachstum, mehr Möglichkeiten, mehr Optimierung.

Mehr von allem.

Die Geschichte vom unbegrenzten Wirtschaftswachstum lebt weiter, während das alte Ur-Drehbuch vom drohenden Mangel nicht nur das Rad des ständigen Anschaffen-Müssens antreibt, sondern auch das mentale Rad, das unablässig nach Lösungen für immer neue Probleme sucht.

Währenddessen wächst der Berg der Probleme munter weiter, ohne dass ein Zusammenhang erkannt wird.

Vielleicht liegt darin eines der großen Paradoxe der modernen Zivilisation:

Wir haben gelernt, ungeheuren materiellen Reichtum zu erzeugen, ohne uns deshalb unbedingt reich zu fühlen – denn er Fokus liegt weiterhin auf dem Mangel.

Und in diesem Taumel der Geschäftigkeit geraten zudem jene kleinen, Kraft spendenden Freuden eines gewöhnlichen Alltags aus dem Blick, die überhaupt nichts kosten – wie z.B. das gesellige Beisammensein, heute auch Hang-out genannt. Auch das wird mehr und mehr ausgelagert in die virtuelle Welt. 

Entfremdung

Nichts fürchtet das Rudeltier im Menschen mehr, als seine Gemeinschaft zu verlieren. Ausgestoßen zu werden war über den größten Teil der Menschheitsgeschichte eine existentielle Bedrohung.

Vielleicht erklärt das einen Teil jener merkwürdigen Erschöpfung und Verwirrung, die ausgerechnet in materiell reichen Gesellschaften so verbreitet ist.

Konsum kann kompensieren. Arbeit und Status können kompensieren. Und inzwischen kann man sogar Gemeinschaft kompensieren – virtuell.

Nur bleibt die Frage, ob der Körper und Seele den Unterschied nicht doch bemerkt.

Wie also herauskommen aus diesem alten Teufelskreis des Mangels? Beim gegenwärtigen dystopischen Zeitgeist könnte man inzwischen eher von einer Teufelsspirale sprechen, die deutlich abwärts gerichtet ist.  

Die Gegenbewegung liegt nahe: Geschichten, die nicht immer wieder denselben Mangel ins Zentrum stellen, sondern von der Fülle berichten – und damit ausnahmsweise einmal aufwärts in eine Gottesspirale geraten, wenn wir mal in dieser Metapher bleiben wollen. 

Wie schreibt man eine gute Geschichte?

Wie aber erzählt man eine Geschichte von Fülle, Wohlstand, Schaffensfreude, Verbundenheit und Daseinsfreude, ohne dass es nach Rosamunde Pilcher im Ökodorf klingt?

Wie erzählt man das gute Leben, ohne dass einem nach ein paar Seiten vor lauter Harmonie die Augen zufallen?

Vielleicht lohnt ausgerechnet hier noch einmal ein Blick auf das Christentum, das zunächst wie ein ausgesprochen schlechtes Beispiel für eine Geschichte der Fülle erscheint.

Schließlich steht im Zentrum seiner Ikonographie ein Folterinstrument mit einem qualvoll sterbenden Menschen daran.

Mehr Leidenssymbol geht kaum.

Und doch enthält dieselbe Überlieferung eine außerordentlich hoffnungsvolle Botschaft:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Nicht nur den Angehörigen des eigenen Clans. Nicht nur den Blutsverwandten. Nicht nur denjenigen, der dieselben Götter verehrt – sondern den Nächsten.

Und dann diese bemerkenswerten  letzten Wörter: „wie dich selbst.“

Nächstenliebe und Selbstliebe in einem einzigen Satz, und dass in einer Kultur, die die Liebe zu einem Gott als das Allerhöchste pries.  Das war ziemlich revolutionär. Zu revolutionär vielleicht. 

Interessant ist hier vor allem die ungeheure Wirkungskraft dieser Erzählung. Aus einer relativ kleinen Zahl von Texten und frühen Gemeinschaften entwickelte sich eine Geschichte, die seit fast zweitausend Jahren Gesellschaften, Moralvorstellungen, Kunst, Politik, Familienleben und individuelle Lebensentwürfe beeinflusst.

Eine ziemlich erfolgreiche Geschichte, könnte man sagen.

Ihr Erfolgsrezept gründlich zu entschlüsseln, könnte eine eigene Abhandlung füllen – mit wahrscheinlich wertvollen Erkenntnissen für das Story Lab.

Denn Geschichten können ungeheure Wirkung entfalten – im Guten wie im Schlechten.

Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Absichten gepflastert. Oder, wie eine böse Zunge einmal bemerkte: “Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.”

Doch hier sollte man vorsichtig sein, nicht neue Narrative zu erzeugen, und sich vielleicht lieber an dem alten Goethe halten: “Edel sei der Mensch und gut ….

Die Macht des Narrativs

Jede Kultur besitzt ihre Geschichten. Werden bestimmte Geschichten allgemein akzeptiert, beginnen sie wie eine Art Drehbuch zu funktionieren. Sie prägen Institutionen, Orte und Erwartungen – und irgendwann erscheinen die daraus entstandenen Verhältnisse selbstverständlich.

Eine der wirkungsmächtigsten neuzeitlichen Erzählungen war der American Dream:

Du kannst dein altes Leben verlassen.

Du kannst irgendwo neu anfangen.

Du kannst dein eigener Herr werden.

Vom Tellerwäscher zum Millionär.

Wohlstand, Freiheit und Abenteuer.

Diese Geschichte zog Millionen Menschen aus aller Welt an und prägte die Entwicklung und Selbstwahrnehmung der späteren Weltmacht USA in kaum zu überschätzendem Maße.

Oder Uncle Tom’s Cabin von Harriet Beecher Stowe. Der Roman beeinflusste die öffentliche Auseinandersetzung über die Sklaverei erheblich. Man sprach von der kleinen Frau, deren Buch den großen Krieg ausgelöst habe. Eine Geschichte über die Macht einer Geschichte. 

Jules Vernes Erzählungen wiederum beflügelten Generationen von Lesern, Erfindern und Ingenieuren mit Bildern technischer Möglichkeiten, lange bevor manche davon Wirklichkeit wurden.

Andere Narrative sind so selbstverständlich geworden, dass wir sie kaum noch als Geschichten erkennen: der Achtstundentag, die Kleinfamilie als gesellschaftlicher Normalfall, das Eigenheim mit Garten als Lebensziel, das Auto als Symbol persönlicher Freiheit, Karriere als Maßstab eines erfolgreichen Lebens, ständiges Wirtschaftswachstum als Notwendigkeit oder die jeweils zeitgemäße Vorstellung davon, welche moralischen Einstellungen einen „guten Menschen“ ausmachen. Heute heißt es Woke sein. Bleibt es so? 

Wird der Stoff für Geschichten derselbe sein bei der nächsten Generation – nur in neuen, möglicherweise von K.I. entworfenen Gewändern?

Oder könnte tatsächlich einmal ein Paradigmenwechsel stattfinden, von denen einige so viel reden– vielleicht sogar mit Hilfe eben der K.I.?

Märchen als Wegweiser? 

Geschichten von Mangel, Leid und Katastrophen gibt es in Hülle und Fülle.

Erstaunlich knapp bemessen sind dagegen Geschichten über einen dauerhaft gelungenen Alltag.

Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden Märchen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Heute bedeutet die Aufforderung „Erzähl keine Märchen!“ ungefähr:

Bleib bei der Realität. Dabei behauptet das Märchen gar nicht, unsere gegenwärtige Realität abzubilden. Schon mit „Es war einmal …“ verlässt es sie.

Und genau darin könnte seine eigentliche Kraft liegen. Die Welt muss nicht bleiben, wie sie ist. Aus einer scheinbar aussichtslosen Situation kann etwas Neues entstehen. Das arme Kind kann gewinnen, der Schwache den Mächtigen überlisten, der Ausgestoßene Anerkennung finden.

Manchmal braucht es dafür Mut. Manchmal Klugheit. Manchmal Hilfe. Und manchmal eben einen verzauberten Frosch. Märchen handeln erstaunlich häufig von Transformation.

Nur bleibt ihre Gebrauchsanweisung gewöhnlich metaphorisch. Vielleicht kann man irgendwann auch müde werden von der ewigen Metapherei und möchte endlich einmal Butter bei die Fische:

Wie genau geht das?

Wie wird aus dem unglücklichen Alltag ein guter?

Nicht symbolisch.

Nicht irgendwann.

Nicht im Himmel.

Sondern Dienstagmorgen.

Romane fürs Herz – Sachbücher für den Kopf?

Genau hier entsteht ein merkwürdiges Loch.

Belletristische Autoren zeigen uns meisterhaft, wie Menschen leiden, lieben, scheitern, morden, verzweifeln und gelegentlich wieder aufstehen. Konkrete gesellschaftliche Lösungsmöglichkeiten überlassen sie dagegen meist Sachbuchautoren.

Die wiederum erklären ausgezeichnet, wie Städte, Landwirtschaft, Bildung, Psychologie, Wirtschaft oder Gemeinschaft anders funktionieren könnten.

Aber ein Sachbuch kann zwar den Verstand überzeugen – es lässt das Herz wesentlich seltener schneller schlagen.

Vielleicht braucht the more beautiful world deshalb etwas von beidem:

eine Geschichte, die berührt, und gleichzeitig genügend konkrete Details, damit man sich vorstellen kann, sie tatsächlich zu leben.

Das ist schwieriger als eine Dystopie.

Eine zerstörte Zukunft lässt sich vergleichsweise leicht glaubwürdig erzählen. Eine lebenswerte Zukunft muss erklären, warum sie funktioniert. Und je konkreter sie wird, desto leichter kann man ihr natürlich vorwerfen:

Das funktioniert nicht.

Das ist naiv.

Das habt ihr vergessen.

Menschen sind nicht so.

Genau deshalb setzt das Story Lab nicht auf das einsame Genie am Schreibtisch, sondern auf Schwarmkreativität: viele Erfahrungen, Berufe, Kulturen und Perspektiven – und ein gemeinsames Problem, das es zu lösen gilt.

Wie klein kann eine Utopie sein? 

Damit kommen wir zu einer merkwürdigen literarischen Leerstelle.

Wie könnte eine Geschichte über einen Alltag voller Erfüllung und Lebensfreude aussehen – sozusagen über das Paradies auf Erden –, ohne in die Banalität einer vermeintlich heilen Welt oder in die Ödnis eines halb-sozialistischen, öko-biederen Gesellschaftsmodells abzugleiten?

Und vor allem:

Wie könnte ein solches Modell aussehen, wenn es sich zeitnah und in kleinem Maßstab ausprobieren lassen soll?

Ohne erst eine ganze Insel mit einer Millionenbevölkerung zu beschaffen, ohne Milliardenbudget und ohne vorher mehrere amerikanische Bundesstaaten politisch umbauen zu müssen.

Hier ist die Rede von den drei der wenigen prominenten neuzeitlichen Romane, die positive Gesellschaftsmodelle einigermaßen konkret ausmalen, und sie zeigen genau dieses Problem:

Aldous Huxleys ‘Island’ von 1962, Ernest Callenbachs ‘Ecotopia’ von 1975 und Kim Stanley Robinsons ‘Pacific Edge’ von 1990.

Alle drei enthalten interessante, teilweise brillante Ideen. Aber keines dieser Modelle lässt sich morgen mit zwanzig, fünfzig oder hundert Menschen irgendwo praktisch beginnen, ohne dass wesentliche politische, territoriale und gesellschaftliche Voraussetzungen bereits vorhanden wären.

Und damit entsteht für das Story Lab eine ausgesprochen interessante Frage:

Wo ist die Utopie, die klein genug ist, dass man morgen anfangen könnte?

Nicht die perfekte Gesellschaft.

Nicht die endgültige Antwort auf die Menschheitsfrage.

Ein Anfang.

Ein Ort.

Ein Alltag.

Genügend Menschen, um herauszufinden, was davon tatsächlich funktioniert.

Und eine Geschichte darüber, die andere Menschen anschließend lesen und vielleicht selbst weiterspinnen und  ausprobieren können.

What we know, we love

Damit bleibt allerdings noch ein erzählerisches Problem.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und Gewohnheit bedeutet nicht nur, immer denselben Kaffee zu trinken oder auf derselben Bettseite zu schlafen. Wir können offenbar sogar an Lebenssituationen festhalten, unter denen wir leiden, weil das Bekannte manchmal weniger bedrohlich erscheint als das Unbekannte. What we know, we love.

Oder vielleicht vorsichtiger:

What we know, we trust.

Das Vertraute besitzt eine ungeheure Macht. Und das gilt auch für Geschichten.

Missgeschick, Gefahr, Verrat, Herzschmerz, Entsagung und Katastrophen kennen wir. Sie erzeugen Spannung.

Bad news sells.

Ein Blick auf Nachrichten, Clickbait oder den täglichen Dorftratsch genügt.

Eine attraktive Geschichte der Fülle darf deshalb nicht einfach alles abschaffen, was Geschichten seit Jahrtausenden interessant macht. Sie braucht Konflikte, Unsicherheit, vielleicht sogar Tragödien.

Denn die Aufgabe lautet nicht, eine Welt zu erfinden, in der nie wieder etwas Schlimmes geschieht. Das wäre weder glaubwürdig noch besonders interessant.

Die Frage lautet vielmehr:

Kann man eine Welt erzählen, in der Konflikte nicht zwangsläufig immer wieder in Mangel, Entfremdung und kollektive Tragödien führen, oder auf rosaroten Happy End-Wolken enden? 

Viele Tragödien beginnen schließlich lange bevor das Fass überläuft – in Gefühlen, Bedürfnissen und Konflikten, für die vorher kein Ausdruck gefunden wurde, oder die geradewegs unterdrückt wurden. 

Vielleicht müssen wir also gar nicht die Dramen abschaffen. Vielleicht genügt es, dafür zu sorgen, dass nicht ständig ganze Gesellschaften darin untergehen.

Und wenn schon Fässer gefüllt werden:

Warum nicht ausnahmsweise einmal mit Tränen der Freude?

Und alles beginnt mit einer Geschichte

Dazu braucht es Beispiele.

Nicht nur Theorien. Nicht nur Forderungen. Nicht nur ein weiteres Sachbuch darüber, was alles anders werden müsste.

Eine Geschichte.

Eine Geschichte, die Menschen emotional berührt und gleichzeitig genügend konkrete Einzelheiten enthält, um die Frage auszulösen:

Warum eigentlich nicht?

Wer hätte sich in einer Höhle am steinzeitlichen Lagerfeuer ernsthaft vorstellen können, dass Menschen eines Tages durch die Luft fliegen?

Jahrtausende lang war der Traum vom Fliegen genau das: ein Traum, ein Märchen, ein Mythos.

Selbst Leonardo da Vinci begann Jahrhunderte vor dem motorisierten Flug ernsthaft darüber nachzudenken, wie sich dieser uralte Menschheitstraum technisch verwirklichen ließe.

Irgendwann wurden aus Bildern Zeichnungen. Aus Zeichnungen Experimente. Aus Experimenten Maschinen. Und irgendwann stieg eine davon tatsächlich in die Luft.

Vielleicht funktioniert gesellschaftliche Erfindung gar nicht so anders.

Zuerst braucht jemand eine Vorstellung von etwas, das noch nicht existiert. Dann muss dieses Bild so deutlich werden, dass andere es ebenfalls sehen können. Dann müssen genügend Menschen neugierig werden, um es auszuprobieren.

Und irgendwann muss jemand den ersten Prototyp bauen. Genau darum geht es hier. 

Nicht um die Geschichte vom Paradies oder vom Himmel auf Erden, sondern um ein menschenwürdiges Dasein, das die Potentiale des Menschseins möglichst weit ausschöpft. Eine Geschichte darüber, wie Menschen lernen könnten, sich in Gemeinschaft „das gute Leben“ zu erschaffen. 

Und weil niemand wissen kann, ob dieses Leben funktioniert, bevor es ausprobiert wurde, braucht die Geschichte ein Labor. Deshalb gibt es das Story Lab.

The Story Lab

Menschen arbeiten seit jeher in kleinen, selbstorganisierten Gruppen, wenn etwas entstehen soll, das im normalen Alltag kaum möglich ist.

Große kulturelle Leistungen werden trotzdem gern einzelnen Genies zugeschrieben. Tatsächlich entstehen sie erstaunlich häufig aus dem Zusammenspiel kleiner Gruppen.

Das Story Lab ist der Versuch, dieses Prinzip auf das Erzählen einer möglichen Zukunft anzuwenden – an einem Ort, an dem neuartige Geschichten nicht nur gemeinsam entwickelt, sondern in gewissem Maße auch gemeinsam gelebt werden können.

Warum gemeinsam schreiben? 

Wenn scheinbar unlösbare Aufgaben gelöst werden sollen, greifen Gesellschaften immer wieder auf eine ähnliche Arbeitsform zurück: zeitlich begrenzte, hochfokussierte Zusammenarbeit kleiner Gruppen jenseits normaler Routinen.

Diese Form findet sich in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: in mittelalterlichen Bauhütten großer Bauwerke, in wissenschaftlichen Laboren, an Filmsets oder in modernen Entwicklungsteams im Silicon Valley und ähnlichen Orten.

Auch eine Band wie die Beatles zeigt, wie etwas entstehen kann, das keinem einzelnen Mitglied allein zuzuschreiben ist, sondern außer den vier Musikern eine ganze Reihe anderer Beteiligte – ein ziemlich eindrucksvolles Beispiel für Schwarmkreativität.

Ein drastischeres Beispiel liefert Bletchley Park während des Zweiten Weltkriegs.

Dort arbeiteten an einem geheimen Ort Mathematiker, Kryptologen, Ingenieure, Linguisten und andere Spezialisten unter enormem Zeitdruck daran, verschlüsselte Nachrichten der deutschen Streitkräfte zu entziffern. Der erste programmierbaren elektronischen Digitalrechner entstand und was anfangs beinahe unmöglich erschien, gelang durch die konzentrierte Zusammenarbeit sehr unterschiedlicher Menschen – und hatte erhebliche Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf.

Das Manhattan Project zur Entwicklung der Atombombe stand unter einem ähnlich enormen Zeitdruck. Man fürchtete, der Gegner könne dieselbe Waffe zuerst entwickeln. Wieder wurden außergewöhnliche personelle, wissenschaftliche und materielle Ressourcen mobilisiert und an einem geheimen, eigens dafür errichteten Ort versammelt, eine große ,fast stadtähnliche Siedlung an einem abgelegenen Ort in den Bergen. Unterschiedlichste Spezialisten konzentrierten sich auf ein einziges, zunächst beinahe unmöglich erscheinendes Ziel.

Und wieder gelang es.

Allerdings mit einem Ergebnis von einer völlig anderen Dimension.

Seit Jahrtausenden erzählen Menschen Geschichten vom Untergang ihrer Welt. Armageddon, Ragnarök, Pralaya – unterschiedliche Kulturen fanden unterschiedliche Bilder für die große Vernichtung, herbeigeführt durch Götter, kosmische Kräfte oder ein unausweichliches Schicksal.

Mit der Atombombe bekam diese uralte Vorstellung plötzlich eine neue Qualität:

Der Weltuntergang war nicht mehr nur Mythos. Der Mensch hatte begonnen, die technischen Voraussetzungen dafür selbst zu erschaffen.

Keine verborgene göttliche Macht war dazu notwendig. Keine Apokalypse musste vom Himmel fallen. Das schöpferische Potential, mit dem Menschen Gebäude, Musik, Medikamente, Maschinen und Geschichten hervorbringen, hatte nun auch etwas geschaffen, mit dem sie ihre eigene Zivilisation in einem bis dahin kaum vorstellbaren Ausmaß zerstören konnten.

Man könnte darin noch einmal eine ziemlich drastische Variante des zuvor erwähnten „Dein Wille geschehe“ erkennen:

Der Mensch ist tatsächlich ein schöpferisches Wesen – leider jedoch oft, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein bei dem, was erschaffen wird.

Seit dem atomaren Wettrüsten hängt das Schicksal der menschliche Zivilisation damit, bildlich gesprochen, an einem seidenen Faden.

Erstaunlich eigentlich, wie lange dieser Faden schon hält.

Andererseits vielleicht auch wieder nicht. Denn wer ihn durchschneidet, muss damit rechnen, selbst mit in die Tiefe zu stürzen. Gerade die ungeheuren Konsequenzen atomarer Vernichtung haben bisher wesentlich dazu beigetragen, den direkten Einsatz von Atomwaffen zwischen Atommächten zu verhindern. Man könnte diese Erfindung vielleicht auch betrachten als einen Punkt, an dem die Zivilisation sich endlich mal besinnen – oder untergehen muss. 

Vielleicht steckt in der alten Redewendung „Sei vorsichtig, was du dir wünschst – es könnte wahr werden“ mehr Weisheit, als es zunächst scheint.

Jahrtausendelang erzählten Menschen vom Fliegen – irgendwann flogen sie.

Jahrtausendelang erzählten sie von der großen Vernichtung ihrer Welt – irgendwann entwickelten sie die technischen Möglichkeiten, eine solche Vernichtung selbst herbeizuführen.

Wenn wir tatsächlich derart mächtig darin geworden sind, unsere Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen, sollten wir vielleicht verdammt sorgfältig auswählen, welche Geschichten wir erzählen.

Was immer man von den Ergebnissen der oben genannten Beispiele halten mag: Die dahinterstehende Arbeitsweise ist außerordentlich effektiv.

Die Arbeitsform selbst besitzt keine Moral. Entscheidend ist, welchem Bild der Zukunft sie dient. Und liegt allein in der Hand der Erschaffenden

Umgekehrte Vorzeichen

Das Story Lab sieht sich in der Tradition dieser Arbeitsweise und empfindet auch einen ähnlichen Zeitdruck wie bei den letztgenannten Beispielen – allerdings mit umgekehrter Zielsetzung.

Nicht Ideologie, Kontrolle, Zerstörung oder Leistungsoptimierung sind die treibenden Kräfte, sondern zuallererst die Steigerung der eigenen Lebendigkeit und Kreativität.

Denn „Me first“ ist beständiger als jede Moral und jede Einsicht in die Notwendigkeit eines Tuns.

Freude und Begeisterung am eigenen Alltag schafft außerdem besonders gute Voraussetzungen für echtes Mitgefühl mit anderen – ein Mitgefühl, das mehr ist als ein Charity-Mindset. Fürsorge wirkt am besten, wenn sie nicht auf Mitleid, sondern auf unmittelbarer menschlicher Nähe und auf Vertrauen in die Lösbarkeit menschlicher Probleme beruht.

Dieses Experiment kommt ohne Milliardenbudgets aus, ohne religiöse, politische, militärische, ökonomische oder andere dogmatische Zwänge, ohne große Theorien, und beruht nur auf dem Wissen:  Geschichten schreiben Geschichte.

Die Investition besteht  aus Zeit, Körperlichkeit, offenen Sinnen, offenem Geist und der Bereitschaft, sich für eine Weile auf etwas Neues einzulassen – obwohl das Ergebnis völlig offen ist.

Zeichen der Zeit

Die Corona-Pandemie könnte rückblickend eines jener Ereignisse gewesen sein, an denen sichtbar wurde, wie fragil ein hochvernetzter globaler Alltag tatsächlich ist – sozusagen die Coronation einer langen historischen Entwicklung.

Dabei ist für diesen Text gar nicht entscheidend, wie man Ursachen, Maßnahmen oder politische Reaktionen im Einzelnen bewertet.

Bemerkenswert war etwas anderes:

Innerhalb weniger Wochen veränderte sich der Alltag von Milliarden Menschen. Grenzen schlossen, Schulen und Geschäfte machten zu, persönliche Begegnungen wurden eingeschränkt, Arbeit wanderte auf Bildschirme, und gesellschaftliche Gewissheiten, die eben noch unverrückbar erschienen waren, erwiesen sich plötzlich als erstaunlich beweglich.

Für manche war es vor allem eine Erfahrung von Angst, für andere von Ohnmacht, Isolation oder wachsendem Misstrauen; für wieder andere vielleicht sogar eine überraschende Unterbrechung eingefahrener Routinen.

Auf jeden Fall war es eine Demonstration davon, wie schnell sich ein scheinbar stabiler Alltag verändern kann.

In diesem Sinne kann man Corona als einen Warnschuss vor dem Bug des Weltschiffes verstehen.

Wer darin mehr erkennt als eine weitere Krise eines Systems, das anschließend einfach wieder in seine alte Fahrrinne zurückkehrt, könnte auch die Dringlichkeit der Frage verstehen, um die es hier geht:

Wenn sich unser Alltag ohnehin drastisch verändern wird – wollen wir dann wirklich nur darauf warten, wie andere ihn für uns verändern.

Zielsetzung

„Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“

– Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben.

Ziel ist es, der gegenwärtigen Visionslosigkeit etwas entgegenzusetzen – durch ein Narrativ, das tragfähig genug ist, um nicht nur utopisch gedacht, sondern auch zeitnah verwirklicht werden zu können.

Durch konzentrierte Zusammenarbeit auf begrenzte Zeit könnte ein neues, pragmatisches Narrativ für die nahe Zukunft entstehen – eines, das ein mögliches Bild der ferneren Zukunft bereits in sich trägt.

Stichwort: Generationenverantwortung.

Dies geschieht in Form einer literarischen Erzählung über einen experimentellen urbanen Lebensraum im Entstehen – mit all seinen zu erwartenden Spannungen, Widersprüchen und Risiken, bis hin zu tragischen Dramen.

Letzteres nicht nur, um erzählerische Spannung zu erzeugen, sondern vor allem deshalb, weil es ein realistischeres Szenario ist als ein Leben in dauerhafter Harmonie.

Friede, Freude, Eierkuchen sollte jedenfalls niemand erwarten.

Traumata heilen in der Regel nicht über Nacht.

Am Anfang ist das Bild

„Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ –  Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben.

Prägende Narrative entstehen nicht allein aus abstrakten Modellen. Sie benötigen Bilder, Vorstellungen, Gefühle und sinnliche Erfahrungen.

Eine bildhafte Erzählung bleibt nicht abstrakte Idee. Im besten Fall wird sie zur inneren Erfahrung, beinahe zur Körperlichkeit.

Eine vorgegebene Romanstruktur bildet den Ausgangspunkt.

Das reale Story-Lab-Team beschreibt während des WorkWriteShops ein fiktives Story-Lab-Team – eingebettet in eine fortlaufende Erzählung über einen wissenschaftlich und medial begleiteten experimentellen urbanen Lebensraum in seiner Entstehungsphase.

Sollten im Verlauf bessere Ideen für einen Romanstoff auftauchen, gilt allerdings:

Es setzt sich durch, was trägt.

Eine konkrete Aufgabe

„The city is the greatest invention of man.“

– Richard Saul Wurman zugeschrieben.

Im Zentrum steht die Entwicklung eines zeitnah, ohne große finanzielle Mittel und prinzipiell an sehr unterschiedlichen Orten der Welt umsetzbaren urbanen Siedlungsmodells – und einer sich daraus entwickelnden möglichen Zukunft, sozusagen als Grundstein einer kommenden Stadt.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen dabei in einem fortlaufenden Dialog. Plots spielen parallel auf drei verschiedenen Zeitebenen:

Retropie – die Welt, die war

Topie – die Welt, die ist

Utopie – die Welt, die sein könnte

Im Laufe der Geschichte kommt eine vierte, übergreifende Ebene hinzu:

Genese – die Welt im Werden.

Die literarische Erzählung in Form eines Gegenwartsromans ist eingebettet in eine Rahmenhandlung über ein wissenschaftliches Projekt zur Erforschung jener Faktoren, die menschliches Wohlergehen begünstigen – umgangssprachlich auch Glücksforschung genannt.

Der hauptsächliche Fokus liegt auf dem Gruppenprozess des wissenschaftlichen Teams und seinen Protagonisten.

Technische und organisatorische Details werden parallel in einer separaten Enzyklopädie ausgearbeitet. Dort kann ausführlich ins Detail gegangen werden, ohne den Erzählfluss des Romans zu behindern.

Denn bekanntlich steckt der Teufel im Detail, bzw. singt Gott darin, wie es ein bekannter Architekt mal ausdrückte.

Topie – die Welt, die ist 

Ein konkreter Entwurf einschließlich einer generellen sozialen Architektur für die Umsetzung des experimentellen Ortes, um den es in der Geschichte gehen soll, existiert bereits. Dieser erste Rohentwurf sollte unbedingt als Vorschlag und nicht als vollendetes Konzept betrachtet werden. Einige wesentliche Details, besonders in der sozialen Architektur, sind nach wie vor unzureichend gelöst.

Und genau deshalb braucht es das Experiment.

Ein konkreter, einzigartiger Ort für diesen vorläufigen Entwurf ist bereits vorhanden.

Bildlich gesprochen treffen dort Steinzeit und Neuzeit unmittelbar aufeinander.

Dort könnte eine Lebensweise entstehen, die der drohenden globalen Uniformität etwas Verlockenderes entgegenzusetzen hat – indem Altbewährtes und neu zu Erprobendes etwas hervorbringen, das es so noch nicht gegeben hat und trotzdem irgendwie vertraut erscheint.

Eine neue alte Welt in einer Nussschale.

Versuch einer Annäherung

Ein bisher weitgehend unbearbeiteter Textauszug aus einem Vorentwurf des oben genannten Gegenwartsromans kann vielleicht einen ersten Eindruck davon vermitteln, wie sich ein solcher experimenteller Raum anfühlen könnte.

Den Schreibstil muss man nicht mögen, absolut nicht. Darum geht es hier nicht.

Wen aber auch die Thematik des Inhalts grundsätzlich nicht interessiert, der ist im Story Lab vermutlich fehl am Platz.

„Sex sells“, heißt es nicht ohne Grund. Sexualität ist jedoch nur eine besonders sichtbare Erscheinungsform einer viel umfassenderen Kraft: des Eros.

Gemeint ist hier nicht permanente sexuelle Aktivität, sondern die Sinnlichkeit des Alltags – Berührung, Nähe, Schönheit, Spiel, Flirt, Körperlichkeit, Geruch, Geschmack, Bewegung und die schlichte Freude daran, lebendig zu sein. Der Eros des Alltags. 

Viele unserer wichtigen Lebensentscheidungen werden von dieser Kraft beeinflusst, nicht nur unsere Partnerwahl.

Eine Zukunftsvision, die für diesen Bereich keinen Raum lässt, mag organisatorisch noch so durchdacht sein – sie bleibt merkwürdig blutleer.

Ohne im Alltag genügend Raum für eine tägliche Portion Eros zu schaffen, wird selbst die durchdachteste Vision irgendwann verwelken und höchstens ein paar verdorrte Trockenblumen hervorbringen.

Literarischer Auszug – Das Experiment

https://newoldworld.builders/literary-exerpt-the-experiment-v2/

 

Kurzübersicht 

Was das Story Lab NICHT ist:

– Retreat

– Schreibschule

– Community

– Manifest-Versammlung

– Debattierclub

– Sammelbecken für Aussteiger

– Dschungelcamp für Intellektuelle

– harmonische Lebensgemeinschaft

– spiritueller Erlebnistourismus

– Selbstoptimierungskurs

– Projekt für führungsbedürftige Leute

Was es ist:

Eine temporäre Arbeitsgemeinschaft zur Erschaffung eines gemeinsamen Werkes, mit Fokus auf neue Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens – eine Art Utopie-Werkstatt, deren Gegenstand innerhalb des gegebenen Rahmens teilweise selbst erfahren und erprobt werden kann.

Was aus dieser Zusammenarbeit entsteht, bleibt offen. Das ist kein Mangel, sondern Voraussetzung.

Ablauf

Vormittags steht körperliche Arbeit im Vordergrund: auf Feldern und Baustellen, in Gärten und Küchen, möglichst gemeinsam mit Menschen aus der einheimischen, indigenen Bevölkerung.

Die Nachmittage gehören der kreativen Teamarbeit: Gedankenaustausch, Textarbeit, Illustration, Recherche und dem Decoding von Phänomenen, die für das Vorhaben interessant erscheinen.

Dazu kann beispielsweise die Frage gehören, warum bestimmte Geschichten eine kaum erklärbare Popularität entwickeln. Fast immer zeigt sich dabei ein ganzes Mosaik unterschiedlichster Faktoren. Genau dieses Mosaik interessiert das bereits öfters erwähnte Decoding.

Themenfelder

  • Ruralität und Urbanität
  • Tradition und Moderne
  • Handwerk und Technik
  • Nähe und Distanz
  • Beziehung und Eros
  • Vision und Alltag

Rahmen

  • Begrenzter Zeitabschnitt
  • Klare Aufgabenstellung
  • Teamwork
  • Offener Ausgang

Voraussetzungen

  • Eigenständigkeit
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Teamgeist
  • Ambiguitätstoleranz
  •  

Der Kern der ganzen Idee:

Das Phänomen der erschaffenden Aufmerksamkeit

 

Veranstaltungsort: 

Da Permida Resort, Baclayan, Puerto Galera, Philippinen

Am Rand eines indigenen Dorfes in den Bergen, abseits des touristischen Trubels – mit Blick auf eine Inselwelt, die besonders für ihre außergewöhnliche maritime Biodiversität bekannt ist.

Puerto Galera als regionales Zentrum ist dennoch in etwa 15 Minuten erreichbar.

Zwei sehr unterschiedliche Perspektiven auf diesen Ort:

https://business.inquirer.net/171374/mangyan-entrepreneur-creates-ecohaven-in-the-mountains

https://www.jovialwanderer.com/2014/08/puerto-galera-series-da-pirmeda.html

Dauer eines WorkWriteShops

8 Wochen

Bei allseitigem Interesse ist eine Verlängerung möglich.

Beginn: noch offen

Tagesablauf

Vormittag: körperliche Arbeit

(Feld, Garten, Baustelle, Küche)

 

Nachmittag: kreative Arbeit

(Austausch, Text, Illustration, Research)

Wochenablauf

3½ Tage – Dienstagmorgen bis Freitagmittag:

WorkWriteShop in der Highland Base Da Permida Resort.

3½ Tage – Freitagmittag bis Dienstagmorgen:

frei verfügbare Zeit in der Lowland Base Mingle House in Big Lalaguna oder einer Unterkunft in der näheren Umgebung.

Kostendeckungsbeitrag

30 € pro Tag/Person, einschließlich Unterkunft, flexitarischer Verpflegung,  sowie Transport zwischen Highland Base und Lowland Base.

Der Beitrag dient nur der Deckung der unmittelbar durch Aufenthalt und Workshop entstehenden Kosten. Das Story Lab versteht sich nicht als kommerzielles Workshop-Angebot.

Initiator

Der Name ist Schall und Rauch.

Im Vordergrund steht die Idee.

Persönliche Verbindungen können – und werden mit Sicherheit – während des WorkWriteShops entstehen. Doch sie sollen nicht schon im Vorfeld Voraussetzung für eine Teilnahme sein.

Hier geht es nicht darum, sich erst lange kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und danach zu entscheiden, ob man sich auf das Experiment einlassen möchte.

Entweder die Idee selbst zündet – oder eben nicht.

Wer kommt, kommt zunächst wegen der Sache. Was daraus zwischen den beteiligten Menschen entsteht, wird sich zeigen

PS: Batad

Ein weiterer WorkWriteShop des Story Labs ist in den über tausend Jahre alten Reisterrassen von Batad in den Bergen der Cordilleras geplant.

Ein Ort mit einer jahrhundertealten Sozialordnung und Kulturlandschaft, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vergleichsweise wenig von der modernen Zivilisation verändert wurden – und die heute einen tiefgreifenden Wandel erleben.

Junge Menschen wandern ab, traditionelle Lebensweisen verändern sich, die Bewirtschaftung der weltberühmten Reisterrassen steht unter zunehmendem Druck, und digitale Technologien erreichen innerhalb kürzester Zeit selbst einen Ort, dessen Alltag über Jahrhunderte von völlig anderen Rhythmen geprägt wurde.

Was anderswo über Generationen geschah, lässt sich hier teilweise wie im Zeitraffer beobachten:

eine alte Welt trifft auf eine neue. Nicht als Museum, nicht als romantisches Naturvolk-Idyll.

Sondern mitten im wirklichen Leben, mit all den Möglichkeiten und Verlusten, die eine solche Begegnung mit sich bringt.

Ein Ort im rasanten Übergang.

Neue alte Geschichten braucht es auch hier.

PPS:  Einige andere Menüpunkte dieser Webseite müssen noch aktualisiert werden.