Auszug aus dem Rohentwurf eines Romanmanuskripts,.
in dem Fragen, Spannungen und Möglichkeitsräume des Projekts erzählerisch erprobt werden.
Der Text wurde bisher nicht editiert und ist nur maschinell übersetzt.
Brüche
Mara hatte nie an Zufälle geglaubt.
Als sie von der Donation hörte, wusste sie: Das ist es.
Nicht Gier. Nicht Ehrgeiz. Nicht Eitelkeit. Hier war etwas anderes im Spiel.
Freude und Erleichterung ergriff sie. Und nicht nur sie. Bei Verkündigung dieser Nachricht in der Gruppensitzung machte ein Raunen der Verzückung die Runde. Endlich mussten sie nicht mehr klein denken. Nicht mehr vorsichtig sein. Nicht mehr so tun, als wäre Provisorium eine Tugend.
Die Idee des Sparens hatte Mara schon als Kind nicht kapiert. Warum nicht geniessen, wenn man etwas besaß, statt ständig Angst zu haben, es wieder zu verlieren. Doch hasste sie es, deswegen Prädikate wie ‘unbekümmert’ oder gar ‘leichtfertig’ aufgedrückt zu bekommen. Sie hatte verdammt nochmal auch ihre Kämpfe. Der wohl bisher größte ihres Lebens stand ihr unmittelbar bevor, spürte sie.
Warum konnte er, der ihr das Herz so weit geöffnet hatte und dem sie mehr als jedem anderen Menschen vertraute, sich überhaupt nicht begeistern lassen von der frohen Botschaft? Warum wirkte er so abwesend?
Was gab es Schlimmeres als zu spüren, wenn ein geliebter Mensch sich innerlich von einem zu entfernen scheint? Noch nie zuvor hatte sie das so deutlich und bewusst gespürt wie jetzt.
Orte
Sie liebte diesen Ort und all seinen versteckten Winkeln und Ecken, mit seiner übersichtlichen Unübersichtlichkeit. Dazu kam die schweißtreibende Arbeit auf den Feldern, die kühlenden Streicheleinheiten des Passatwindes, die üppige und geradezu verschwenderische Natur, die Geräuschkulisse aus rauschenden Palmenblättern, gemischt mit dem Lachen und Glucksen spielender Kinder, Gackern von Hühnern, Grunzen von Schweinen, Bellen von Hunden und Lauten exotischer Vögel. Das permanente Zirpen der Grillen und Quaken der Frösche des Nachts, mit Eulenrufen dazwischen, rundeten das Klangbild ab und ließen Mara normalerweise schnell in einen tiefen Schlaf fallen. Seit ihrer Kindheit hatte sie nicht mehr so gut geschlafen.
Und dann war da dieses Meer an Düften und Gerüchen nach den meist nächtlichen Regengüssen, die auf die palmengedeckten Dächer prasselten. Was für ein morgendlicher Sinnesgenuss, und das fast jeden Tag von neuem! Der Blick aufs Meer und den vorgelagerten Inseln und Lagunen tat sein Übriges, um jeden Anflug von Morgendepression zu vertreiben.
Nur zu gut konnte Mara die Leute verstehen, die sagten: “Bei diesem Klima und in dieser Umgebung hier ist’s ja auch einfach mit Selbstversorgung und reinen Rohwaren, und überhaupt, mit dem guten Leben.” Das gute Leben eben, von dem alle träumen, dachte Mara jedesmal mitfühlend. Genau aus diesem Grund waren einige aus der Gründergruppe gegen diesen Standort gewesen.
“Damit senden wir das völlig falsche Signal, denn nicht jeder, oder besser: fast niemand hat solche Möglichkeiten. Allein diese atemberaubende Aussicht – das kann schon fast unverschämt wirken, wenn man sich dann hinstellt und ruft: Seht mal her Leute, so geht’s, ganz einfach”. Gunnar, einer der Hauptinitiatoren, hatte stattdessen Smokey Mountain vorgeschlagen, ein Elendsviertel mitten auf Manilas gigantischer Müllhalde. “Warum dann nicht gleich ein Gewerbegebiet in Mittjütland”, hatte Mara’s Freund, den sie jetzt nur noch ihren Liebsten nannte, auf einer der vorbereitenden Treffen in Kopenhagen entgegnet. “Viel trostloser geht’s ja wohl nicht mehr”.
Den Humor in dieser Entgegnung erfassten nur die Dänen in diesem internationalen Team, und doch wusste jeder was gemeint war. Dass das Projekt dann am Ende in fast paradiesisch anmutender Umgebung platziert wurde, hatte schlichtweg mit dem Mangel an finanziellen Mitteln und besseren, d.h. finanziell günstigeren Angeboten zu tun – und mit einer zufälligen Begegnung, die aber zumindest Mara nicht für zufällig hielt, natürlich nicht.
Obwohl sie erst später zur Gruppe dazugestoßen war, hätte sie, bzw. der Anteil in ihr, den sie Lebefrau nannte, innerlich gleich zugestimmt damals. Sie verstand gut die Argumentation der “Asketen” in der Gruppe. “Logisch”, dachte Professor, wie sie ihren analytische Stimme getauft hatte, “jedenfalls, wenn man mit einem Musterbeispiel zum Nachahmen anregen will.” Aber Lebefrau war stärker und rief: “Me first! Außerdem, wie will man denn anderen helfen, wenn man selbst am Stock geht?”
Das war eine andere Logik, mit ihrer eigenen Berechtigung. Denn “am Stock” gingen so einige in der Gruppe, sie selbst eingeschlossen. Es war niemand dabei, der nicht zumindest eine lästige Allergie hatte.
“Cure yourself before you cure the world”, hatte einer der bekannten Life Coaches als Motto. Mara war jedenfalls froh, dass sie an der damaligen Diskussion nicht teilnehmen musste, und dass Kommissar Zufall die Gruppe auf die richtige Spur gebracht hatte – zumindest die für sie genau richtige.
Finsternis
Mara hatte schon fast vergessen, wie sich das anfühlte, damals in der Ära der Finsternis, wie sie diesen langen, düsteren Abschnitt ihres Lebens nannte. Das Schlimmste daran war die Entfremdung gewesen. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, erkannte kaum sich selbst wieder, geschweige denn die “anderen”. Alle waren ihr fremd geworden, außer ihre beiden besten Freundinnen. Aber die hatten keine Zeit mehr, um sich irgendein depressives Gejammer anzuhören, eingespannt wie sie waren in Famile und Beruf.
Es war wie plötzlich wie auf einem verkehrten Planeten gelandet zu sein, wirklich schräge, und ganz schlimm wurde es, wenn man sich ausgeschlossen fühlte von etwas, dass einem ein Leben lang vorher vertraut gewesen war. Selbst die Dinge, die sie immer gehasst hatte, spielten keine Rolle mehr. Alles war nur noch grau in grau.
Sollte das jetzt etwa für immer der Vergangenheit angehören? So unglaublich es klang, aber es fühlte sich schon seit längerem tatsächlich so an, und das an einem ihr bis vor zwei Jahren völlig unbekannten, exotischen Ort, zusammen mit ebenso unbekannten und auf ihre eigene Art auch exotischen Leuten.
“Vergiß es. Sei nicht so naiv. Wir wissen es doch: Nach dem Höhenflug kommt der Absturz.”
Diese innere Stimme nannte Mara den Bremser. Früher hatte sie diese Stimme den Spielverderber genannt. Aber inzwischen betrachtete sie so eine Art automatische Bremsvorrichtung als ganz zweckmäßig, besonders wenn jemand wie sie die Tendenz hatte, auf gerader Strecken immer nur mit Vollgas zu fahren.
“Die nächste Kurve kommt bestimmt”, warnte der Bremser, “…. oder der nächste leere Tank ohne Reservekanister”. Mara wurde dann immer ganz mulmig, aber nicht mehr panisch. Im Gegensatz zu früher versuchte sie dieses Gefühl nicht mehr gedanklich zu verdrängen oder in Rotwein zu ertränken, sondern machte es zum Thema in der täglichen emotionalen Hygiene, wie sie es nannte. Wenn sie mindestens 20 Minuten täglich für die Körperpflege benötigte, um sich wohl zu fühlen in ihrer Haut, dann sollte es doch wohl nicht schlechter bestellt sein um die Pflege der Seele. “Logisch”, dachte Mara damals, als ihr das Clover-Konzept das erste Mal vorgestellt wurde im Team. Seither fühlte sie sich unsauber, wenn sie das kurze tägliche Treffen mit ihrer Clover-Gruppe mal übersprang.
Wer immer dieses genial simple Konzept erfunden hatte, sie schuldete dieser Person ihr Leben, zumindest das gute Leben. Das war nicht nur ihr Rettungsanker. Das war ihr Glücksgriff schlechthin, und bis vor zwei Jahren völlig unvorstellbar gewesen. Sie war sich voll im Klaren darüber, dass sie ohne das Team und ihre Viererbande, wie sie sich ihre Gruppe nannte, die fast paradiesischen Umstände im Außen nicht nur nicht genießen, sondern als äußerst belastend erleben würde. Das hätte ihre depressive Seele als reine Folter empfunden. Lieber in der Wüste darben und am Hungertuch nagen als mit gebundenen Händen halb verhungert an einem überreichlich gedeckten Tisch sitzen.
“Der innere Raum prägt das Erleben im äußeren Raum”, hatte ihr Liebster vor nicht allzu langer Zeit seinen Lieblingsphilosophen zitiert. “Die Treppe zwischen Himmel und Hölle hat nur wenige Stufen” war ein Zitat vom gleichen Philosophen.
Was auch noch jegliche vorherige Vorstellung von einer traumhaften Umgebung im Äusseren übertraf, das war, dass man ohne Bedenken sein morgendliches Badewasser trinken konnte, wenn einem nun danach sein sollte. Einer der angelegten Pools wurde laufend gespeist mit erfrischend kühlem Wasser aus einem Bergbach, ein anderer aus einer Quelle, die von dem Einheimischen als Heilquelle betrachtet wurde. Die Abwasserexperten des Teams behaupteten zwar, dass man das auch genauso gut im Pool unterhalb der Anlage mit der Reet-Wurzelraumklärung für die öffentlichen Toiletten tun könnte. Doch Mara traute den hiesigen Laborbefunden nicht. Schlamperei, besonders auf Behördenebene, war hier mehr Regel als Ausnahme.
Vertrauen konnte man dagegen den Aussagen der Eingeborenen schenken, die versicherten, dass es keine Goldgräber mehr gäbe, die Flüsse und Bäche mit Quecksilber verunreinigten, seit die Regierung das alleinige Nutzungsrecht der betreffenden Gebiete dem indigenen Volk der Isanteas zugestanden hatte. Auch Minen-und Holzkonzerne hatten seitdem den Rückzug antreten müssen. Es gab anscheinend tatsächlich auch Gesetze zum Wohle der Urbevölkerung. Das stimmte Mara manchmal ein wenig hoffnungsvoller.
Worte
Eine besondere Beziehung hatte Mara zu einigen der Frauen vom Stamm der Isanteas entwickelt, mit denen sie und einge andere aus dem Team tagtäglich auf den Feldern zusammenarbeitete. Die Verständigung ging mangels Sprachkundigkeit fast non-verbal vor sich. Trotzdem hatte sie noch nie so viel gelacht bei einer Arbeit. Die schöne Moea war ihr besonders ans Herz gewachsen.
Von Behörden und NGOs wurde sie indigene Lebensweise der Isanteas als unterentwickelt bezeichnet. Mara wunderte sich fast, dass man sie nicht Niedrigkultur nannte, wenn man sich selbst als Hochkultur einstufte.
Eine Art Volkssport dieser technologisch gesehen auf Steinzeit-Niveau befindlichen Kultur war tatsächlich das Dichten. Maras Herz schlug jedes Mal höher, wenn sie einen der schmalen Bambusstreifen entdeckte, die hier oft an Büschen baumelten, mit ihren eingeritzten, wunderschönen Schriftzeichen. Lesen konnte sie diese Schrift nicht, doch wusste sie, dass es eine alte Tradition war, z.B. Liebesgedichte an Pfaden aufzuhängen, von denen man wusste, dass die angehimmelte Person dort oft vorbeigeht. Das andere mitlesen konnten, interessierte die Verfasser offenbar nicht, oder die Gedichte waren vielleicht auf eine Art kodiert, dass nur der oder die Angebetete die Botschaft würde deuten können, spekulierte Mara.
Doch anscheinend gab es nicht nur Romantiker in diesem Volk der Dichter. Die berüchtigten Wettkämpfe auf Stammesfesten, idie etwas von Poetry Slams haben mussten, hatte sie noch zugute. Dazu musste man jedoch zu den Stämmen tief in die Bergen vordringen, was nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Behörden und unter der Führung eines zertifizierten Guides möglich war. Hier jedoch, in der Peripherie der modernen Welt, waren die Eingeborenen unsicher geworden, bzgl. ihrer Traditionen, und waren überhaupt von einem tiefen Minderwertigkeitskomplex ergriffen. Die vermeintlichen Segnungen der zivilisatorischen Hochkultur beeindruckten sie so sehr, dass es Mara manchmal weh tat, das zu mitzuerleben.
Neugier
Die Glasperlen der frühen Kolonisten waren inzwischen ersetzt worden durch Schmerzpillen und Antibiotika, die nunmal einfach schneller wirkten als die traditionellen Naturheilmittel, und statt Feuerwaffen, die Pfeil und Bogen ersetzten, gab es nun Smartphones, mit denen man auch jagen konnte, schneller als je zuvor – allerdings ohne dabei fette Beute in Form eines niedergestreckten Wildschweines zu machen. Der Gewinn müsste woanders liegen, wenn fast jeder Eingeborene sein letztes Hemd geben würde für so ein Gerät. Das war nämlich der Fall. Es dauerte eine Zeit, bis Mara dieses Rätsel entschlüsselt hatte, was tatsächlich geschah mit Hilfe eines alten deutschen Missionars, der dieses Volk besser kannte als jeder andere und sogar als einziger Fremde ihre Sprache sprach.
“Neugier, schlichtweg Neugier”, sagte er mit ruhiger Stimme. “Die hat uns schon um den Garten Eden gebracht.”
Dieser mit seinen 85 Jahren immer noch sehr aktive Mann wirkte verständnisvoll und zugleich deutlich irritiert. Nach über 60 Jahren Einsatz sah er all die schädlichen Nebenwirkungen der “Glasperlen”. Er liebte dieses Volk, auch wenn er es nie aussprach, und nannte sie “Ur-Christen, ohne es zu wissen”. Denn sie pflegten seiner Auffassung nach einen Umgang miteinander, fast wie es im Buche stand, dem heiligen.
Nur etwa 10 % der indigenen Bevölkerung hatten seinen Angaben zufolge die christliche Religion angenommen. Der Rest blieb bei dem traditionellen animistischen Glauben, wo die Welt voller Geister und verstorbener Ahnen ist. Die konnten anscheinend genauso viel Angst verbreiten wie der zornige Gott des alten Testaments, von dem der Missionar nicht besonders viel hielt.
Ob Christen, Animisten, Kommunisten, Kapitalisten, oder was auch immer – Mara musste immer öfter, je mehr verschiedenartige Menschen sie kennenlernte, an ein bekanntes Zitat denken, aufgeschnappt in ihrer Schulzeit:
“Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.”
Sie fand, dass weitaus die meisten Menschen sich im Alltag genau so verhielten wie von dem Herrn Goethe seinerzeit empfohlen. Trotz manchmal ungewöhnlicher Härten des Lebens schienen Bitterkeit und Gier, und selbst Selbstgenügsamkeit, eher Ausnahmeerscheinungen zu sein.
Wie groß doch immer wieder die Hilfsbereitschaft ist, wunderte sich Mara immer wieder. Tatsächlich gab es wohl kein Wesen auf diesem Planeten, dass so gerne anderen Wesen hilft, selbst wenn es im eigenen Überlebenskampf steckt. Und wie war das eigentlich bei ihr selbst? Wohl eher umgekehrt, musste sie sich eingestehen. Im Stressmodus hatte sie jedenfalls nicht viel übrig für andere, fand sie. Wie eine Ertrinkende brauchte sie alle Kraft für sich selbst, um nicht unterzugehen. Und manchmal wünschte sie sogar Leuten, denen es ihrer Meinung nach viel zu gut ging, ein ähnliches oder gar ein schlimmeres Schicksal. Neid und Missgunst – war das nun so viel besser als Gier oder Selbstgenügsamkeit?
Eines war Mara in den letzten Jahren klar geworden: “Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied” – so abgedroschen und ausgeschlachtet von der Glückscoachindustrie dieser Slogan auch klang, und so schwer sie selbst sich manchmal damit tat, nicht die äußeren Umstände allein für ihr inneres Elend verantwortlich zu machen.
Sie hatte z.B. mehr leuchtende Augen gesehen wie in den Favelas von Rio als auf der Mönckebergstraße an verkaufsoffenen Sonntagen. Das lag nicht nur an der berüchtigten hanseatischen Verschlossenheit. In Einkaufszeilen anderswo sah es nicht viel anders aus. Mara hatte sich seinerzeit allen Ernstes gefragt, wem es eigentlich in Wirklichkeit schlechter ging.
Und war es wirklich so schlecht bestellt um die Welt? Oder kam es vielleicht auch auf die Sichtweise an? Warum waren da mehr leuchtende Augen in den Favelas als auf der Mönckebergstraße, wo sie sich auch gerne mal aufhielt in ihrer Hamburger Zeit. Sie hatte immer genossen, das Gewimmel von Leuten auf der Straße vom Café aus zu beobachten. Sie fühlte sich dabei weniger isoliert als sonst. Naja, und dann waren da diese unwiderstehlichen Angebote einiger Schuhläden …. Wem geht’s am schlechtesten und warum gibt es überhaupt so etwas wie ein schlechtes Leben, und das gar nicht so selten. Und was ist mit dem guten Leben? Wer lebt das?
Das waren Fragen, die Mara zu einem späteren Zeitpunkt näher untersuchen wollte. “Keine Zeit zum Sinnieren jetzt”, rief die Stimme der Lebefrau. Das wahre Leben drängte sich zu sehr auf.
Mara liebte die Arbeitsgesänge der Isanteas bei Tag und die Tänze um die Feuer bei Nacht. Meistens langsam, sanft und bedächtig, nur selten dramatisch.
Und dann die vielen spontanen Treffen in diesem nicht allzu weiten, von steilen Berghängen eingegrenzten Gelände. Wie von magischer Hand gelenkt geschahen diese scheinbar zufälligen Treffen, dachte Mara oft und nannte es die tägliche Dosis Magie. Wie oft hatte sie Leute getroffen, an die sie gerade gedacht hatte, oder Leute, die sie mit Informationen oder Gütern versorgten, die sie gerade benötigte.
Doch was ihr am meisten Halt gab, war ohne Zweifel das Team. Die Offenheit und Wärme dieser Gemeinschaft, wild zusammengewürfelt aus allen Teilen der Welt und beginnend als zeitbegrenzte Arbeitsgemeinschaft, war nun irgendwie fast zu ihrer Familie geworden, mit allen Schrägheiten, die das beinhalten kann.
Aber sie wollte mehr als eine relativ harmonische Gemeinschaft, mehr als Selbstversorgung, mehr als eine idyllische Umgebung im Pakt mit der Natur.
Reibungen
Dichte. Stadt. Reibung. Das fehlte ihr.
Die jungen Jahre in der Großstadt hatten ihre Spuren hinterlassen. Den Landeiern im Team ging es nämlich nicht in gleichem Maße so wie Mara und einigen anderen Kiezkreaturen im Team.
“What we know, we love” hatte mal ein bekannter Psychotherapeut und Bestsellerautor geschrieben, dessen Namen sie jetzt gerade nicht erinnerte. Die Erkenntnis der Dimension dieser unleugbaren Tatsache hatte er als seine wichtigste Erkenntnis über die menschliche Psyche bezeichnet. Tja, wer weiß, dachte Mara. Vielleicht ist es wirklich so einfach. Das würde tatsächlich vieles erklären, besonders die Tendenz, im Leben immer wieder Dinge zu wählen, die ganz offensichtlich nicht zu unserem Wohl sind. Denn wer gibt schon gerne auf, was man liebt? Logisch.
Warum hatte sie sich in jungen Jahren z.B. immer wieder in den gleichen Typ Mann verliebt und war dadurch immer wieder in Beziehungen geraten, die man heutzutage mit toxisch bezeichnete.
Mara wollte Cafés, Läden, Architektur, Theater, und vor allem Freiheit für die Leidenschaft, einschließlich aller Dramen, die dazugehören. Wie viel war in ihrer ach so freizügigen kleinen Blase hier an derartigen Gefühlen schon unter den Teppich gekehrt worden?
In dieser Beziehung unterschied man sich nicht allzu sehr von der Steinzeitkultur gleich nebenan, dachte Mara, wo Abweichler von der geltenden Sexualmoral zwar nicht gleich gesteinigt oder ausgestoßen, aber doch von den Dorfältesten kräftig zurechtgestutzt wurden.
Mara war durch den alten Missionar eine tragische Geschichte zu Ohren gekommen von dem Selbstmord eines jungen Mannes, der für die Missernte des Dorfes verantwortlich gemacht worden war, weil er es zu wild mit verheirateten Frauen getrieben hatte. Das hätte die bösen Geister angezogen, behaupteten die Ältesten mit Berufung auf ihren Dorfschamanen. Um sein geliebtes Dorf zu befreien von diesem Fluch, hatte der junge Mann sein eigenes Leben beendet.
Bei Mara verursachte dieser kurze Blick hinter die Kulissen eine Art Glaubenskrise. Da blieb nicht mehr viel übrig vom Idyll der harmonischen indigenen Gemeinschaft.
Ahnungen
Gespürt hatte sie es aber schon vorher bei ihren Aufenthalten zusammen mit dem Missionar. Irgendwie hatte sie es immer als etwas traurig und bedrückend in diesen Dörfern empfunden, aber wollte es sich doch nicht recht eingestehen. Zu tröstend war die Vorstellung, dass es irgendwo noch heile Welten gab. Doch schrittweise begann sie zu verstehen, warum die moderne Zivilisation eine so große Anziehungskraft auf indigene Völker ausübte. Es waren die “Glasperlen” , sondern eher die größere persönliche Freiheit – Freiheit von ständiger Überwachung und Bevormundung durch Familienclan, Dorfälteste, Schamanen und überholten Traditionen.
In der westlichen Welt hatte sich das Individuum mit Hilfe der Vernunft zunehmend von der kollektiven Einengung und deren überkommenen Dogmen befreien können, was in Europa mit der Ära der Aufklärung eingeleitet wurde. Plötzlich schien Mara das alles mehr Sinn und Zusammenhang zu ergeben, was im Geschichtsunterricht nur eine Aneinanderreihung von Jahreszahlen und Fakten für sie gewesen war. Wegen dieser größeren Freiheit des Individuums bewunderte, um nicht zu sagen, vergötterte man die westliche Zivilisation geradezu, allen Unkenrufen der Stammesältesten zum Trotz, die natürlich ihre Felle davonschwimmen sahen – oder sich vielleicht einfach nur Sorgen um das Wohl der Ihrigen machten, schickte ein Gedanke sich an, zu sagen. Denn Mara wollte endlich raus aus der Rolle des moralischen Richters. Musste man Leuten mit Macht immer auch immer gleichzeitig Machtstreben als alleinige Antriebskraft unterstellen?
Offenbarungen
Für Mara kam die Offenbarung vom Grund der Anziehungskraft der westlichen Welt in einem weit abgelegenen Dorf oben in den Bergen, wohin man nur mit zertifiziertem und zusätzlich speziell ausgebildeten Mountainguide hingelangt, und auch nur außerhalb der Regensaison, weil sonst die Flüsse zu reißenden Strömen werden, die man dann nicht mehr schwimmend durchqueren kann.
Es war ein sehr schön gelegenes Dorf, mit atemberaubender Aussicht über Berge und Täler, und es hätte vom Baustil her nicht originaler aussehen können. Ein reines Bilderbuchdorf.
Spielende Kinder zwischen strohgedeckten Hütten, Pfeife rauchende Alte und ammende Frauen davor, geschäftige Bauern auf den Feldern, gackernde Hühner und grunzende Schweine, kleine Ferkelchen überall herumsausend, und ałles ständig umweht von einer sanften Brise aus den Bergen. Alle grüßten Mara immer wieder freundlich lächelnd. Doch sie wurde irgendwie immer trauriger. War das jetzt ihre unerfüllte Sehnsucht nach einem idyllischen Leben, die sich hier meldete? Nach all den umtriebigen, wurzellosen Jahren vielleicht kein Wunder, dachte sie sich. Auf jeden Fall hatte sich eine unruhig gewordene Seele zu Wort gemeldet.
“Ich weiß es nicht”, musste sie sich eingestehen im Stillen, “aber außer mit mir stimmt hier auch irgendetwas nicht”.
War es wirklich nur ihr Trauma vom unsteten Leben, das hier angesichts dieser puren Idylle getriggert wurde, oder war dieses Dorf vielleicht von bösen Geistern befallen, weil es irgendjemand mal wieder zu wild getrieben hatte? Wäre letzteres der Fall, wären allerdings alle von ihr bisher besuchten Dörfer, inzwischen mehr als zehn an der Zahl, befallen gewesen. Die generelle Stimmung war nämlich irgendwie überall gleich. Freundlich, mild, ruhig und gemächlich, sogar beim Gebären und Sterben, wovon sie während ihrer relativ kurzen Aufenthalte schon mehrmals Zeuge geworden war. Das war unvermeidbar, so dicht, wie man hier zusammenwohnte.
Dann geschah es.
Im ersten Moment begriff sie es gar nicht richtig. Es kam eben nur einfach irgendein bekannter Pop-Song aus irgendeine der Hütten. Das war nichts besonderes in Dörfern, die in der Peripherie der Zivilisation lagen. Irgendjemand hatte immer eine Autobatterie oder Solarzelle, jemand anderes ein Smartphone, und manchmal ein Dritter sogar einen Bluetooth-Speaker.
Doch hier oben, so weit weg von der Zivilisation? Wie konnte das sein?
Die Musik durchschnitt die idyllische Stille. Mara wurde neugierig. Sie bremste sich willentlich, wollte ziellos schlendernd wirken, um sich der Quelle der Musik unauffällig nähern zu können. Als sie die letzten Hütten des Dorfes passiert hatte, sah sie die Quelle.
Eine junge Frau stand mit dem Rücken zu ihr und schwang ihre Hüften zum Takt der Musik aus ihrem Smartphone, während sie Wäsche zum Trocknen aufhing. Eine kleine Solarzelle steckte auf dem Palmendach.
Sie trug die farbenfrohe traditionelle Tracht des Stammes, während die meisten im Ort schon auf die triste industrielle Kleidung in Form von Shorts und T-Shirt umgestiegen waren. Mara schossen zur eigenen Überraschung plötzlich Tränen der Rührung in die Augen.
Wo kam das denn jetzt so plötzlich her? fragte sich sogleich ihr analytischer Geist.
Praktisch fühlte es sich ein bisschen an wie die spontanen Verliebtheiten in den frühen Teenagerjahren, damals, wo sie sich quasi im Vorbeigehen in einen Typen verlieben konnte.
Das war, bevor sie wählerisch geworden war genau wie ihre Freundinnen, bei denen sich in Sekundenschnelle sofort ein Filter davor schob, wenn Schmetterlinge oder gar Kittenpfötchen sanft anklopften im Oberbauch. Und dann dieses Zusammenziehen im Unterleib, rhythmisch wie ein ungeduldiger Finger.
Es war kein Drängen, kein Hunger, kein unwiderstehlicher Sog – das konnte später folgen, wenn das Objekt der Begierde tatsächlich in greifbare Nähe kam. Bis dahin war es eher ein diskretes Klopfen von innen, doch dringlich genug, um nicht überhört zu werden. Der Körper meldete sich, bevor es überhaupt etwas zu wollen gab vom ständig kontrollierenden Geist.
Triebe
Für einen Moment fragte Mara sich, seit wann genau dieses Areal im Unterleib bei ihr über ein eigenes Bewusstsein verfügte. Was würde wohl passieren, wenn dieses Bewusstsein aus dem verborgenen, verdrängten und verbotenen Zustand heraustreten und allgemein anerkannt werden würde? Würden wir es dann hier bei jeder Gelegenheit treiben, hinter jedem Busch und jeder Hecke, hinter jedem Haus und jeder Ecke? Oder gar wie die Bonobo-Affen, unsere nächsten DNA-Vetter, uns gegenseitig begrüssen mit einem Quickie, der nur einige Sekunden dauert, dafür aber viele Male täglich vorkommen kann, so wie einige Leute viele Hände schütteln an einem Tag?
“Frage vertagt auf später. Zu essentiel, um sie im Vorbeigehen zu klären”, meldete ihr die Stimme des Entschlüsslers.
“Wird das später auch noch passen mit Euch?” war nicht nur die Stimme ihrer Mutter. Man musste immer auch an später denken, immer – bis es irgendwann zu spät war, nämlich wenn man auf dem Sterbebett lag und bereute, Wunschträume zu früh begraben zu haben – so dachte Mara heute.
Aber damals dachten und handelten alle wie ihre Mutter und schoben ihre Filter vor die intuitive Wahrnehmung, außer den wenigen Wilden, Unbändigen, Zügellosen und Leidenschaftlichen, die nicht selten als gefallene Engel mit gebrochenen Flügeln endeten. Zu denen wollte Mara ungern gehören. Drama gehörte ins Kino, nicht in den Alltag, meinte sie damals.
Der Spruch “Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin” machte damals nämlich immer noch die Runde.
Doch wer wollte eigentlich überall hin? Wer wollte nicht irgendwann mal ankommen? Endlich ein Zuhause haben?
Selbst die Zigeuner hatten eines, nur auf Rädern, und die Berber auf den Rücken ihrer Kamele. Aber der entscheidende Unterschied zu z.B. den digitalen Neo-Nomads, zu denen Mara einst gehört hatte, war, dass traditionelle Nomaden immer ihren Clan dabei haben. Das ist ihr wahres Zuhause. Diese kollektive Erdung konnte eine digitale Gemeinschaft nicht bieten. Zumindest nicht für Mara. Sie vereinsamte damals zunehmend, an wunderschönen Orten, wo andere Urlaub machten.
Zurück im Hier-und-jetzt, fühlte Mara sich sofort angezogen von dieser Isantea-Frau, die im Takt der Musik ihre Wäsche aufhing, ohne jeglichen Augenkontakt gehabt zu haben.
“Ein schöner Rücken kann auch entzücken” machte plötzlich Sinn. Es war die Erscheinung dieses Wesens als Ganzes. Die Art der Bewegungen, die Kleidung, die Arm- und Beinringe, die Tatoos, und die leckere, schokoladenfarbene Haut, das farbenfrohe Kleid, an dessen Rockzipfel sich ein kleines Kind hielt, während die gelockten, rabenschwarzen Haare hin- und her wehten in der milden Brise. Wild, stolz, würdig und unbändig – das waren die Worte, die Mara spontan durch den Kopf schossen bei diesem Bild, das sich für immer auf ihre Netzhaut brennen sollte.
Langeweile
War dieser Gefühlsausbruch vielleicht stark mitverursacht von der schrägen, unstimmigen Stimmung der dörflichen Idylle, aus der sie mit vertrauten Tönen herausgeholt wurde, wie mit einem Paukenschlag der Erleichterung? Das fragte sich nun ihr analytischer Geist.
Denn ihr wurde immer klarer, was nicht stimmig war, und was ihr in allen von ihr besuchten Dörfern gefehlt hatte. Es passierte ganz einfach zu wenig. Zu eintönig war es, schlicht und einfach. Ein alter Song aus den Achtzigern kam ihr gerade in den Sinn. “Monotonie in der Südsee. Melancholie bei dreißig Grad. Monotonie unter Palmen”.
Standen deswegen stereotype amerikanische Action-Filmhelden hier ganz besonders hoch im Kurs, weil diese Typen alles andere als ein eintöniges Leben und den Mut hatten, sich über allgemeine Verhaltensnormen hinwegzusetzen und nur ihrem inneren Ruf nach Abenteuer folgten?
Mara erkannte sich ein wenig selbst darin wieder. War sie nicht auch mutig gewesen, z.B. mit dem frühen Versuch der Familiengründung, ganz entgegen dem damaligen Zeitgeist, oder ihren Einstieg in die Welt der ersten digitalen Nomaden, und danach den Ausstieg wieder daraus, der lange, freiwillige Aufenthalt in der Psychiatrie und dann nochmal wieder ein neuer Ausstieg und Einstieg hinein in eine neue Welt?
Das sollte ihr erstmal einer nachmachen von all den klugschnackenden Stubenhockern, die aus ihren Chatsesseln nicht herauskamen und trotzdem beidhändig ihre Lebensweisheiten austeilten, meistens kopiert irgendwo im digitalen Raum. Sie musste denken an die Zeit, wo sie sich aus lauter Verzweiflung über ihre Einsamkeit auf Plattformen wie Quora und dergleichen herumgetrieben hatte, immer in der Hoffnung, dort auf halbwegs gleichgesinnte Leute zu treffen. Aber Pustekuchen. Nichts als wohlformulierende Chathelden und nabelbeschauende Sesselfurzer in ihren muffigen Blasen hatte sie dort angetroffen.
Trotzdem dauerte es eine Zeit, bis sie sich überall abgemeldet und zurückgefunden hatte zu der vielleicht nützlichsten Information, die sie je erhalten hatte, viele Jahre zuvor.
“Hör auf im Inneren zu suchen. Da ist nichts außer Gedanken, und die können bekanntlich nur immer aus der Vergangenheit stammen. Deshalb können sie auch nur die Vergangenheit projizieren als Zukunftsprognose, nur immer wieder in neuer Verpackung. Deshalb gibt es die sogenannten Teufelskreise. Sämtliche Informationen, die du benötigst, um in die Zukunft zu schauen oder sie zumindest zu ahnen, findest du im Außen des Hier-und-Jetzt. Geh aufmerksam durch die Welt und registriere jede Kleinigkeit. wie eine Katze im Garten. Liegt dort auch nur ein einziger Stein anders als am Vortag, wird sie kurz innehalten, es registrieren – nicht analysieren!- und dann ihren Weg fortsetzen. Lebe mit dieser unangestrengten Aufmerksamkeit, analysiere nicht, urteile nicht, beobachte nur. Bald schon wirst du Zeichen erhalten, und wenn du in dieser Aufmerksamkeit bleibst, werden sich wie von magischer Hand bald schon Türen öffnen, die vorher lange Zeit verschlossen waren.”
Es war ein alter Taoist, der ihr diesen Ratschlag erteilt hatte, und er sollte Recht behalten. Sonst wäre sie heute wohl immer noch gefangen in der Isolation, ob nun in ihrer schicken Stadtwohnung, in Psychiatrien oder digitalen Blasen, diesen Fallen des Gedankentums, wie sie die inzwischen nannte. Sie wäre nie auf dieses Projekt gestoßen und nie an diesem magischen Ort gelandet, hätte sich immer noch einsam und verloren gefühlt, lost in space. Kostbare Lebenszeit hätte sie vergeudet. Diesen Alptraum eines nicht gelebten Lebens hätte sie immer noch gelebt. Immer wieder dankte sie diesem alten Weisen ohne langen Rauschelbart.
Nein, es war nicht immer leicht gewesen, denn Rückfälle in die Fallen Gedankentums geschahen nunmal und stifteten entsprechendes Unwohlsein und manchmal Chaos. Aber am Ende hatte die Vernunft gesiegt. Konnte man es als etwas anderes bezeichnen als Vernunft, wenn die Wirklichkeit tatsächlich so funktionierte, wie der alte Taoist sie beschrieben hatte? Manchmal musste man sich eben selbst auf die Schulter klopfen, wenn es niemand anderes tat, fand Mara.
Sie hätte sich tatsächlich einmal fast eine dieser Schulterklopfapparate gekauft, die gleichzeitig als Garderobe fungieren konnten Das Ding hatte irgend so ein dänischer Daniel-Düsentrieb-Typ entwickelt und auf YouTube präsentiert. “Heute schon gelobt worden? Günstiger als jeder Coach, zuverlässiger als der beste Freund” – so oder so ähnlich wurde das Produkt angepriesen. Der Typ hatte ganz klar eine Marktlücke entdeckt, dachte Mara damals.
Einer dänischen Untersuchung zufolge wurde ein Kind in Dänemark, ein Land, das bekannt ist für seine kinderfreundliche Pädagogik, bis zu seinem 5. Lebensjahr ca. 50.000 mal zurechtgewiesen, während es ca. 5.000 mal bestätigt wurde in der Richtigkeit seines Tuns uns Seins. Ein Verhältnis von 1 : 10! Noch Fragen? Für Mara erklärte das alle Minderwertigkeitsgefühle und daraus resultierende Neurosen, oder wie immer man das heutzutage nannte.
Doch sie glaubte nicht, dass dieses Problem technologisch zu lösen sei. Außerdem wollte sie diesen ästhetisch nicht besonders ansprechenden Gegenstand nicht in ihrer Wohnung stehen haben, die von oben bis unten skandinavisch durchdesignt war. Viele ihrer Freunde hätten diese Art von Humor sowieso nicht wirklich erfasst.
Welten
Dass ihr diese neue Welt, wo sie vor nun zwei Jahren gelandet war, nun auf seltsame Weise vertraut vorkam, hatte es leichter gemacht und deshalb faktisch weniger Mut erfordert als die vorherigen Sprünge ins kalte Wasser. Hier war das Wasser von vornherein lauwarm gewesen. Mara versuchte es mit der Reinkarnationstheorie zu erklären. Vielleicht war ihre alte Seele hier schon mal zuhause gewesen in einem ihrer früheren Leben.
“Humbug”, war Team-Oberdenker Gunnars nüchterner Kommentar dazu.
“Du erkennst hier nur ein Leben wieder, das sich alle Menschen von Herzen wünschen, und fertig. Schon mal vom kollektiven Unbewussten gehört?.Wiedererkennung schafft Vertrautheit, das ist’s. Was soll daran mystisch sein?”
Déjà-Vus hatte Mara öfter erlebt in jüngeren Jahren. Sie hatten jedes Mal ein seltsames, aber doch auch angenehmes Gefühl der Vertrautheit geschaffen. Das war ihr besonders oft in einigen mittelalterlichen Städten passiert, und es gab für sie keinen Zweifel daran, dass sie diese Orte nicht das erste Mal sah, obwohl es im jetzigen Leben mit Sicherheit das erste Mal war. Doch ein Déjà-Vu hatte sie hier noch kein einziges gehabt. Die Vertrautheit musste also irgendwo anders herkommen.
War es so einfach, wie Gunnar sagte? Für ihn als Wissenschaftler waren alle Dinge logisch erklärbar.
“Wir haben alle unsere Scheuklappen, die unsere Sicht auf die Wirklichkeit begrenzen”. Das war einer der Standardsprüche ihres klugen Liebsten. Wie recht er doch hatte, er, der mit Gunnar nicht immer auf gutem Fusse gestanden hatte.
Mara ging kurz die Reihe ihrer Freundinnen durch, die alle verstrickt waren in ihren kleinbürgerlichen Träumen von Karriere, Familie und Selbstverwirklichung als Künstler. Mara kamen diese Traumfänger aus der indianischen Kultur in den Sinn, die sich einige übers Bett hängen und Spinnennetzen ähneln.
“Gefangen in den eigenen Träumen”, dachte sie, “Träume, die selten etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben – weil wir alle geistige Scheuklappen aufhaben und die volle Wirklichkeit nicht sehen wollen, oder ganz einfach nicht können. Ein anderer oft angewandter Spruch ihres Liebsten war: “Alles hat seine Zeit”, entnommen dem sogenannten Buch der Bücher, dass er natürlich auch gründlich studiert hatte. Eine zeitlose Wahrheit war das, wahrhaftig, dachte Mara, die Ungeduldige.
Verlockungen
Diese Erkenntnis vom Grund der Anziehungskraft ihrer eigenen Kultur schaffte etwas Frieden in Mara’s ansonsten so empörten und gleichzeitig schlechten Gewissen. Wie oft war sie selbst in peinliche Verlegenheit geraten angesichts dieser Bewunderung, die ihr die Eingeborenen entgegenbrachten, eine Bewunderung, die sie und die Kreise, in denen sie verkehrte, ganz gewiss nicht teilten, eher im Gegenteil.
Kulturpessimismus sog man ja mit der Muttermilch auf, und wie so oft, taten die Deutschen sich da mal wieder besonders hervor. Kulturelle Selbstkasteiung war Pflichtfach in ihrem ehemaligen Berufsfeld, dem Journalismus. Warum sind wir Deutschen eigentlich immer so extrem in allem? hatte sie sich neulich im Gespräch mit Gunnar gefragt. Es hätte sie nicht gewundert, wenn es außer German Hausfrau, German Angst und German Wertarbeit als feststehende Begriffe demnächst auch German Wache für extreme Wokeness geben würde.
Wer weiß, vielleicht gab’s das auch schon. Mara war seit gut zwei Jahren, seit sie hier in dieses Projekt eingestiegen war, auf Digi-Detox. Das war nicht gewollt, sondern es passierte einfach. Damit war sie nicht alleine. Fast niemand aus der Gruppe nutzte das Internet noch für anderes als für projektbezogene Recherchen oder private Nachrichten.
Naja, und dann für Porno, und zwar reichlich, wie sie neulich schockierenderweise herausgefunden hatte. Aber es passte irgendwie ins Bild.
Sexseller
Ganz und gar überraschend kam es nun auch wieder nicht mit dieser Pornogeschiche, nachdem Mara mal gelesen hatte, dass über 70 % der übermittelten Internetdaten auf die einr oder andere Art mit dem Thema Sex zu tun hatten. Das brachte also die großen Datenzentren zur Überhitzung und machte immer größere Anlagen erforderlich? Könnte dieser unerlöste Urtrieb gar Ursache für Blackouts und den erhöhten Energieverbrauch dieser Datenzentren sein, die deswegen zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik gerieten? Mara musste schmunzeln bei dem Gedanken. Urtrieb als Sand im Getriebe der Moderne, oder nein, eher der Treibstoff, so wie es aussah. Sex war nicht nur ein Seller, sondern auch ein Maker.
Weniger amüsant fand Mara es, dass das Thema Porno im eigenen Team anscheinend auch aktuell war, was bisher unter den feinen Teppich der Unbescholtenheit gekehrt worden war. Zu groß war das Tabu.
“Immer erstmal an die eigene Nase fassen ….” hatte die Mutter immer gesagt. Dann wurde es etwas ruhiger in Mara’s empörtem Geist.
Es war und ist die Ausgelassenheit und Zügellosigkeit der Zivilisation, das ist der Pep, der sexy macht und damit die alten schwermütigen Geister verscheucht und neue leichtmütige anzieht, konstatierte Mara erleichtert. Es ging ihr ähnlich wie wenn sie ein Kreuzworträtsel gelöst hatte, nachdem sie das letzte, lange gesuchte Wort endlich gefunden hatte. Das gesuchte Wort hieß in diesem Fall Neugier. Sie verscheucht die Monotonie.
“Werdet wie die Kinder …” kam Mara in den Sinn. Kinder wollen wiederkehrende Rituale und Routinen, aber keine Monotonie. Langeweile ist Folter für sie. Hatte der alte Missionar Recht? War es die Neugier, die uns aus dem Garten Eden vertrieben hatte?
Dazu kam Mara ein anderer Gedanke. Repäsentierte der Garten Eden vielleicht nicht das Tierreich, wie oft interpretiert, sondern die nomadisierende Stammesgesellschaft, die wir mit dem Pflücken des Apfels vom Baum der Erkenntnis verlassen hatten?
Hatte das eigentlich schon mal irgendeiner der bekannten Philosophen gedacht? Das würde sie demnächst ihren auf diesem Gebiet sehr bewanderten Liebsten fragen.
Gut, die Welt war offensichtlich dualistisch eingerichtet, kein Tag ohne Nacht, kein Licht ohne Schatten, kein Gut ohne Böse, kein Yin ohne Yang. Damit hatte er sie öfters zu trösten versucht, wenn sie mal wieder an den Widersprüchen des Lebens zu zerbrechen drohte.
Was war das Gegenteil von Neugier? Das musste Gleichgültigkeit sein. Da fiel ihr das Zitat eines berühmten Überlebenden des Holocaust ein:
“Das Gegenteil von Liebe ist nicht Haß, sondern Gleichgültigkeit”.
Vielleicht war es kein Zufall, dass es der Song “The Monster” war, zu dem die junge Isantea-Frau sich so anmutig bewegte beim Wäsche aufhängen.
Lalango
Immer öfter hatte Mara sich und ein paar andere aus der Gruppe dabei ertappt, ständig neue Gründe vorzuschieben für einen kurzen Abstecher in die nahegelegene Hafenstadt Lalango. Die Zahnarzttermine waren schnell aufgebraucht, und mit Starlink fiel das Internetcafé downtown auch flach als Vorwand. Persönliche Einkäufe benötigte man eigentlich auch kaum zu tätigen, da es alles, was man hier im Alltag benötigte, vor Ort gab.
Dass man einfach mal ein bisschen schlendern oder ein bisschen Streetlife erleben wollte, traute sich anfangs niemand richtig einzuräumen. Von den fast unausweichlichen Flirts mal ganz zu schweigen, denn es brummte in dieser Stadt nur so vor Erotik – trotz all dem menschlichen Elend, auf dem dieser Ort gebaut war mit einem der größten, auf jeden Fall aber bestgelegenen Rotlichtbezirke der Welt. Doch weíße Strände und blaue Lagunen sind ein schwacher Trost für unwürdige Lebens- und Arbeitsumstände.
Oder sind sie es vielleicht doch? Gekoppelt mit den anderen Vorzügen dieser freizügigen Stadt? meldete sich die innere Stimme, die Mara vor einiger Zeit den Entschlüssler getauft hatte, der dem oft zu voreiligen Richter immer öfter auf dem Fuße folgte und auf den ihn gebührenden Platz verwies, nämlich auf die Strafbank. Mara hatte sich nämlich immer wieder dabei ertappt, vorgegebene Clichés und Narrative einfach gedankenlos übernommen zu haben.
Also, gab es vielleicht doch noch andere Gründe als nur ökonomische Not, warum Leute, insbesondere junge Frauen im ältesten Gewerbe der Welt, hier lebten?
Auch wenn die Rotlichtbranche hauptsächlich auf die Befriedigung typisch männlicher Bedürfnisse ausgerichtet ist, so schienen sich die Vibes zu übertragen auf die ganze Stadt, schien es Mara. Die Jungs aus dem Team kamen oft lebendiger heim als sie vorher gewesen waren, und erzählten freimütig von ihren Flirts, die normalerweise nichts mit den gewerblichen Damen zu tun hatten. Diese würden sich auch hüten, mit irgendwelchen dahergelaufenen Rucksacktouristen auf der Straße anzubandeln. So sahen die Jungs im Team nämlich durchweg aus.
Mara machte ähnliche Erfahrungen. Vom Tuktuk-Fahrer über Behördenmitarbeiter, vom Marktschreier bis hin zum Kellner – alle hatten versucht, mit Mara anzubandeln, schwärmte sie gegenüber Regine, die inzwischen Mara’s liebste Freundin geworden war.
Mara hatte fast vergessen, wie sich diese Form der Aufmerksamkeit anfühlt, musste sie gestehen. Die Freundin wurde hellhörig. Fehlte Regine da vielleicht auch etwas im Alltag?
Dabei war Mara’s Cellulite schon so weit fortgeschritten, dass ihr auf der Straße zuhause in Deutschland kein männliches Wesen mehr nachschauen würde, geschweige denn ansprechen. Hier ging sie ungehemmt in Shorts oder kurzem Rock. Wie herrlich, nein, wie fraulich, nein, wie weiblich sich das anfühlte, die warme Sonne und die kühlende Brise auf der Haut, und das jeden Tag wieder. Kam das Wort ‘dämlich’ etwa von damlich, fiel Mara auf einmal ein.
Entschlüsselungen
‘Ausgenutzt’, ‘missbraucht’, ‘misshandelt’, ‘gezwungen’,‘ ‘manipuliert’, ‘drogensüchtig‘ –so lauteten die Formulierungen in den Gesprächen, die Mara von NGO-Seite her kannte, wenn es um die jungen Bargirls ging.
Inzwischen hatte Mara festgestellt, dass die Ansichten dazu je nach Ort und Personenkreis unterschiedlich ausfallen. Darüber hatte Mara mit ihrer Freundin diskutiert, obwohl diese immer noch nicht ganz kuriert war von ihrem wokem Gutmenschtum.
“Stellen wir das doch einfach mal gegenüber”, legte Mara aus. “Auf der einen Seite stundenlang in der prallen Sonne gebückt im Reisfeld stehen oder was einige bevorzugen, in einem air-conditioned, mit Schimmelpilz verseuchten Laden stehen, in beiden Fällen bei 10 Stunden-Tag und 6-Tage-Woche, für einen Hungerlohn, der gerade mal für’s knappe Überleben reicht. Krankengeld oder gar bezahlter Urlaub sind Fremdworte.
Regine hörte interssiert zu.
“Und wen es noch schlimmer trifft, endet vor einem einsamen Schirm in einem der unzähligen Call-Center im Land, die die ganze Welt bedienen mit ihrer typisch asiatischen Höflichkeit.”
Mara musste jetzt kurz daran denken, dass es diese Arten von Tätigkeiten ja auch in der ersten Welt gibt. Statt Arbeit auf dem Reisfeld sind es dort Arbeiten in der Land-, Bau- und Forstwirtschaft, heutzutage meist ausgeführt durch Ostarbeiter, und statt schimmelpilzverseuchte Dorf-Groceries sind es Supermärkte mit vollautomatischen Virus-Spreadern und statt Callcenter sind es Bank-, Versicherungs- und Verwaltungsgebäude, wo heutzutage ca. 50 % der arbeitenden Bevölkerung tagtäglich ihren einsamen Job vor einem Schirm tun. Der einzige, aber für die meisten Leute bedeutende Unterschied liegt in der Höhe der Entlohnung. Damit lässt sich eben so einiges kompensieren, wie auch mit 6 Wochen bezahlten Urlaub im Jahr.
Mara musste gerade an ihre eigene Karriere denken, an ihre große Wohnung im Schanzenviertel, Kaffee Latte unten im Strassencafé, gutes Essen jeden Tag, Ferien auf Mykonos oder Okinawa, naja, und dann, wenn gar nichts mehr ging und es zu sehr kniff mit dem WFF, dem Wohlfühlfaktor, gab es als Rettungsanker dieses Ding mit neue Schuhe kaufen. Da war auf jeden Fall was dran an diesem Phänomen. Hierzulande sprach man selbst nach einem halben Jahrhundert immer noch von der Ehefrau eines ehemaligen Präsidenten, die angeblich über 3.000 Paar Schuhe besessen haben soll, von denen man einen Teil sogar noch in einem Museum bestaunen konnte. Frauen und Schuhe – ein weiterer Fall für den Entschlüssler, der aber von Mara auf später vertagt wurde. Sie wollte den bisherigen Gesprächsfaden halten.
Der rote Faden hieß: Was lässt Menschen ihr gewohntes Umfeld verlassen und an einen verruchten Ort wie Lalango ziehen?
”Auf der anderen Seite”, setzte Mara fort, “bietet sich mit Lalango eine Chance für einen Alltag, der nicht mal die Hälfte der obigen Arbeitszeit erfordert und trotzdem das 5-10fache an Lohn abwirft, und manchmal mehr, wenn man gut ist in seinem Fach. Außerdem bekommt man den Status einer Heldin in Familie und Provinzdorf, denn der größte Teil des Verdienstes geht in der Regel an die Familie daheim. Der Rest geht drauf für Rücklagen und für schicke Kleidung, Schuhe und Schmuck, wobei letzteres aber einfach auch zur Arbeitsausstattung gehört, musste man sagen. Ausgelassene Strandparties mit den Kollegen und Kolleginnen der Bars dürfen auch nicht fehlen, so gerne wie man hier singt, lacht und ißt – frei von jeglicher Überwachung dörflicher Clanmitglieder”.
Regine schaute jetzt skeptisch, doch hörte immer noch sichtlich interessiert zu.
“Last but not least: Wer sagt, dass solche Arbeit nicht auch mal Spaß machen kann?” Mara lachte schelmisch.
“Also, liebe Freundin, was würdest du wählen, wenn du in der Situation einer dieser Mädels wärst?”
Regine stutzte und dachte nach. Mara legte nach.
“Der Preis ist in die Aufgabe der familiären und dörflichen Geborgenheit und in der Regel Heimweh. Freiheit versus Geborgenheit. Auch wenn wir aus einer anderen Kultur kommen – kommt uns das nicht auch irgendwie bekannt vor?”
Die letzten Sätze hätte sie sich besser sparen sollen, merkte Mara. Das war mal wieder diese Stimme gewesen, die sie den Besserwisser nannte, während Regine sie Sonntagsprediger getauft hatte.
“Hm, weiß nicht. Schwierige Frage. Werd ich mal drüber nachdenken”.
Mehr hatte Mara auch nicht erwartet als erste Reaktion. Das musste sich jetzt erstmal setzen. Denn es war ja keine rein theoretische Frage. Sie hatte auch etwas mit Regine’s momentanen äußeren und inneren Umständen zu tun. Sie befand sich auch in einem Prozeß des Umbruchs, wie es aussah.
Streetlife
Die Schilderungen über die jeweiligen Arbeitsbedingungen hatte Mara von einer alten Häsin des Rotlichtbezirks bekommen. Sie war eine von hunderten, wenn nicht tausenden hier in diesem Gewerbe. Eigentlich sollte sie diese Person alten Hasen nennen, denn Sarah, wie sie sich nannte, war männlichen Geschlechts.
Mara schätzte den Anteil der sog. Ladyboys vom Straßenbild her auf mindestens 10 %. Allerdings war es manchmal fast unmöglich, den Unterschied zu erkennen.
“Schaust besser auf die Hände und den Kehlkopf – sonst kannst schnell mal ‘ne böse Überraschung erleben”, hatte ihr eine bärtige Frohnatur aus Österreich erklärt.
Dieser Mann plauderte bereitwillig aus dem Nähkästchen des Sextouristen. Eine Feministenphobie schien der Typ jedenfalls nicht zu haben. Aber Mara zweifelte auch daran, ob sie überhaupt als Frau von ihm wahrgenommen wurde. Mit dem Aussehen der Damen aus dem horizontalen Gewerbe, wie dieser Typ es auch nannte, hatte sie jedenfalls nicht viel gemeinsam. Sie war aber auch immer schon mehr der Tomboy-Kumpel Typ gewesen – was zumindest den Vorteil hatte, leichter Einblicke in das maskuline Universum zu bekommen, was ihren feminineren Freundinnen normalerweise verborgen blieb.
Sepp, wie er sich vorstellte, entsprach genau dem allgemeinen Cliché des dauergeilen Sextouristen, der es auf junge Frauen abgesehen hatte. Jenseits der fünfzig, blass, schmale Schultern, dicker Bauch, dünnes Haar, Bier trinkend und rauchend. Er war hier, weil ihn zuhause niemand mehr begehrte. Auch das räumte er freimütig ein, ohne die geringste Spur einer Selbstreflexion, dass es etwas mit ihm selbst und seinem Erscheinungsbild zu tun haben könnte.
“Die Weiber zuhaus sind einfach zu eingebildet. Die meisten sind häßlich wie die Nacht, verglichen mit den Weibern hier, aber wollen trotzdem alle Prinzessin spielen. Schau Dich um. Eine hübscher als die andere hier, es sei denn, man hat was gegen Affenfratzen, so wie dieses hoch-spitznäsige Arschloch aus Dubai es neulich nannte. Er mochte die breiten Nasen nicht. Der ist gleich weitergejettet nach Kolumbien. Da wird’s ihm auch nicht besser ergehen, haha. So ein Depp. Der hätte lieber Kameltreiber bleiben sollen.”
Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bierhumpen und wischte sich genüsslich den Schaum vom Mund.
“Ja, schau di um hier. Soweit man schaut, ein Meer von hübschen Maids, in dem man baden kann, selbst wenn man kein Adonis mehr ist. Und zuhaus wolln’s net nur einen gutaussehenden Prinzen, nee, der muss auch noch spurten und ihnen alle Wünsche von den Lippen ablesen. Dieses nach seinen Worten “saugeile Leben” gab’s hier auch noch für’n Appel und’n Ei, wie er euphorisch hervorhob, als wenn er das Ganze selbst gerade entdeckt hatte. Dabei kam er hier schon seit über 10 Jahren einmal im Jahr für 4 Wochen, um hier die Sau, bzw. den Eber rauszulassen.
Mit Adonis konnte dieser Typ nach Mara’s Einschätzung selbst in seinen besten Jahren nicht viel Ähnlichkeit gehabt haben. In seinem Fall kam noch erschwerend hinzu: Schuppige Haare, durchgeschwitztes, billiges Touri-T-Shirt, kurze, krumme Beine, weiße Socken und gestreifte, blau-weiße Adidas-Latschen als Krönung der Unappetitlichkeit. Die Vorstellung, dass sich am Abend eine der jungen Schönheiten auf seinem Schoß räkeln könnte, machte Mara sehr zu schaffen.
Wie gelang es diesen zum Teil wirklich anmutigen Wesen, ihren Ekel zu überwinden? Konnten sie ihr natürliches Empfinden wie auf Knopfdruck abschalten? Oder, ein noch ein unerhörterer Gedanke, empfanden sie womöglich gar keinen Ekel?
Der Enschlüssler hatte sich gerade wieder zu Wort gemeldet.
Ekel
Mara fiel auf einmal ein, dass es über zwei Monate bei ihr gedauert hatte, bis sie ihr Gesicht vor lauter Ekel nicht mehr automatisch – entgegen allen Vorsätzen – verzogen hatte, wenn sie, wie allgemein üblich in Ländern der dritten Welt, den Hintern nach dem Stuhlgang nur mit der Hand und Wasser reinigte. Ihr Verstand hatte ihr sofort gesagt, dass dies die sanfteste und sauberste Methode ist.
Aber es half alles nichts. Das Gesicht verzog sich einfach automatisch immer wieder, über 2 Monate lang.
Toilettenpapier, besonders das recycelte, sei voll von chemischen Giftstoffen, die dem äußerst empfindlichen Anus überhaupt nicht gut tun und üble Reizungen und Allergien verursachen können. Das hatte ihr schon vor vielen Jahren ihr deutscher Hausarzt erklärt. Doch hier war es eine einheimische Krankenschwester, die einige Jahre in England gearbeitet hatte, die den Ausschlag gab, dieses Ekelgefühl zumindest erst einmal intellektuell aus der Schamecke herauszuholen.
“Das war das ekelhafteste und unhygienischste überhaupt abroad”, sagte die Krankenschwester. “Man schmiert sich mit dem Papier die Fäkalien über den Anus und reibt es auf diesem empfindlichen Körperteil hin und her, und richtig sauber wird es trotzdem nicht. Ein dünner Film bleibt immer, und da steht kein Eimer Wasser mit Schöpfkelle bereit, damit man es richtig machen könnte. Einfach ekelhaft.”
Während sie sprach, verzog sie das Gesicht ähnlich wie Mara in den ersten zwei Monaten der Hinternreinigung ohne Toilettenpapier. Inzwischen, nach über zwei Jahren, war es bei Mara genau umgekehrt. Sie empfand es wie die Krankenschwester, und tupfte sich höchstens ganz vorsichtig nach der Handreinigung mit Wasser den Anus trocken mit Toilettenpapier – voll biologisches, natürlich, wenn sie mal auswärts war. Hier, auf dem Projektgelände, benutzte sie die ungewöhnlich flauschigen Blätter des Ginongu- Baumes, die immer neben den Eimern mit Wasser und Schöpfkelle in geflochtenen Körben bereit lagen. Was anderes wollte sie da nicht mehr ranlassen an ihren Allerwertesten.
Schon merkwürdig, was man in ein paar Minuten alles denken kann, dachte Mara, während sie ihren Americano an der Stehbar des Seven Eleven-Straßencafés schlürfte und nebenher dem Österreicher lauschte, der sie auf das Thema ‘Ekel’ gebracht hatte.
Plötzlich fielen ihr auch noch absurde Szenen aus der Corona-Zeit ein: Während die Regale mit Lebensmitteln und Getränken gut gefüllt waren wie üblich, waren ganze Regalgänge mit Toilettenpapier im Nu leergekauft. Einige Video-Clips mit Supermarktkunden, die um die letzten Rollen Klopapier kämpften, gingen viral in den sozialen Medien.
Mara dachte damals schon: Wenn man mehr Angst hatte vor dem Berühren der eigenen Fäkalien hat als vor dem Verhungern und Verdursten, könnten dann zukünftige Kriege nicht vielleicht eher um Klopapier handeln als um Öl, Trinkwasser oder CO2-Quoten? Sie musste schmunzeln. War an ihr vielleicht ein Satiriker verloren gegangen? Nein, das war nicht ihr Ding. Nicht mal Ironie mochte sie.
Sie wandte ihren Blick nochmal auf den Österreicher, der neben ihr auf einem Barhocker saß. Hätte sie als junges und relativ unschuldiges Mädel vom Lande, das sie tatsächlich einst gewesen war – so wie die vielen Girls, die hier täglich aufs Neue aus der Provinz eintrudelten – sich auf den Schoß dieses Kerls setzen und sich von ihm begrabschen lassen können, nur um die arme Familie zuhause in der Provinz durchzubringen? Sie verzog das Gesicht, wie in der ersten Zeit der Hinternreinigung mit Hand und Wasser.
“Unmöglich!”, dachte sie. “Mir wäre irgendetwas anderes eingefallen. Irgendwas, nur nicht das.”
Doch wie überwanden die jungen Mädels ihren Ekel? hakte der Enschlüssler nach. Oder war der Ekel vielleicht gar nicht vorhanden, ähnlich dem mangelnden Ekel vor den eigenen Fäkalien? Zumindest mit Letztgenanntem wurde man offenbar nicht geboren, wenn Mara sich anhörte, was ihre Freundinnen erzählten über ihre Babies und deren mangelnde Berührungsangst mit den eigenen Ausscheidungen.
Erklärte das jetzt vielleicht auch eine andere Wahrnehmung, die Mara einfach nicht verleugnen konnte? Sie hatte ohne Zweifel des Öfteren verliebte Paare gesehen, wo die Frau nicht nur die Tochter, sondern glattweg auch die Enkelin hätte sein können. War der Ekel vor alten weißen Männern etwa auch nur anerzogen? Ein unerhörter Gedanke, den sie nirgendwo anders als in ihrer einsamen geistigen Dachkammer aussprechen durfte.
Ohne Zweifel spielte Geld die entscheidende Rolle. Dessen war Mara sich sicher. Die Familie unterstützen zu können, brachte einen hohen Status in der Familie und im Heimatdorf. Das hatte hier nunmal allerhöchste Priorität. Selbstverwirklichung war hier noch ein Fremdwort, und doch, es war deutlich im Kommen im Zuge der zunehmenden modernen Zivilisierung. Aber ansonsten galt: family, family, family, und die brauchte ständig money, money, money. Deswegen sah man auch nie einen dieser abgewrackten Cheap Charlies mit einer jungen Schönheit an ihrer Seite. Nicht mal junge, gutaussehende Backpacker, von denen Mara manchmal kaum die Augen abwenden konnte, schienen hier große Chancen zu haben. Innerhalb weniger Sekunden konnte sie bei Paaren professionell vorgetäuschte von echter Verliebtheit deutlich unterscheiden. Hier in den Straßen von Lalango hatte sie ein reiches Betätigungsfeld für derartige Beobachtungen. Allein dafür war es interessant, im Café zu sitzen.
Diese “Enkelinnen” schienen jedenfalls nicht, oder noch nicht, kulturell konditioniert darauf zu sein, dass alte weiße Männer etwas Ekelerregendes sind und konnten sich offenbar sogar noch etwas verlieben in diese alten Säcke.
“Nicht zu fassen”, staunte Mara, und versuchte es emotionslos nüchtern zu betrachten, wie eine Forscherin, was ihr in diesem Fall allerdings aber nicht wirklich gelang. Und dieses war nur eines von vielen Phänomen des menschlichen Verhaltens, die Mara sehr rätselhaft vorkamen.
“Was für eine komplexe Welt!” resümierte sie, ” und wie wenig ich davon verstehe”.
Warum konnte einem eigentlich niemand diese Dinge einfach und plausibel erklären?
“Bitte nicht wieder im Kreis fahren! An diesem Punkt waren wir doch schon mal, mehrere Male schon.”, meldete sich der Bremser zu Wort.
“Ach ja, sorry”, antwortete der Weltschmerzer, wie Mara diese innere Stimme getauft hatte, die sich gerade mal wieder ein bisschen in Selbstmitleid wälzen wollte.
Mara erinnerte sich:
1. Ohne Frage keine Antwort. Wenn niemand die Frage stellt, kann sie auch niemand beantworten, d.h. viele der betreffenden Phänomene werden gar nicht als untersuchungswürdige Fragen wahrgenommen.
Hatte z.B. schon mal jemand das Phänomen Frauen und Schuhe, und dabei insbesondere den Erfolg hochhackiger Schuhe genauer unter die Lupe genommen, und es nicht nur irgendwelchen selbsternannten Boulevardblatt-Forschern überlassen?
2. Ohne Analyse kein Ergebnis. Wenn niemand in die Tiefe geht, d.h. hinunter in die Details, dort, wo der Teufel sich versteckt bzw. der Gott singt, kann es keine plausiblen Erklärungen geben.
Dann blieb für Mara nur noch die Frage übrig, warum es anscheinend niemanden gab, zumindest niemanden, der ihr bekannt war, den diese Phänomene genauso brennend interessierten wie sie selbst. Forscher und Sinnsucher gab es ja genug, aber die richteten ihren Fokus lieber auf andere, anscheinend spannendere Themen wie z.B. Technologie, Spiritualität oder das, was man heutzutage Verschwörungstheorien nennt. Da wurde gegraben, was das Zeug hielt, bis in tiefste Tiefen, die nach Mara’s Auffassung manchmal lieber unergründlich bleiben sollten.
“Natürlich könnte man solche Phänomene im Nu entschlüsseln, besonders, wenn der gemeinsame Fokus erstmal darauf gelegt ist”, hatte der Entschlüssler seinerzeit nüchtern zurückgemeldet. “Wenn man imstande ist, Raketen ins All zu schicken und noch viel komplexere Zusammenhänge überblicken kann, wäre es ein Kinderspiel, solche Phänomene zu entschlüsseln.”
Weltraumraketen? Meine Güte, Mara wäre schon zufrieden gewesen , wenn man nur so viel Forscherenergie zur Lösung elementaren Fragen investieren würde, die notwendig war, um z.B. das jährlich erneuerte Model einer bekannten Automarke entwickeln, oder einfach nur das neue Modell für einen Regenschirm, der zu den aktuellen Modefarben paßt. Ihr fiel grad nichts besseres ein, vielleicht, weil sie neulich das erste Mal in ihrem Leben einen solcher Menschen kennengelernt hatte, der sein ganzes Berufsleben lang nichts anderes getan hatte, als die Entwicklung und Produktion von zigtausend Details solch eines technischen Wunderwerks zu koordinieren, dass sich Automobil nennt, und weil sie neulich downtown vom Regen überrascht worden war und dann in einem dieser kleinen, vollgepackten Ramschläden eine Verkäuferin voller Eifer den genau zu ihrem Outfit passenden Regenschirm gefunden hatte, zudem für’n Appel und’n Ei, wie Sepp gesagt hätte. Wieviel Gehirne müssen zusammenarbeiten, nur um so einen Regenschirm herzustellen? Mara schätze die Zahl grob auf 200, basierend auf den Schilderungen des Autoentwicklers, der auf diese Frage natürlich keine genaue Zahl nennen konnte, aber die Zahl über den Daumen auf ca. 20.000 schätzte, von den Designern des Entwurfes über Marktforschern bis hin zu den Herstellern von kleinsten Schrauben oder Scheibenwischerblättern, sowie alle die anderen hunderttausend Details. Hunderttausend war vielleicht noch nicht mal übertrieben.
Auf solche Projekte konnten die Leute sich also unheimlich konzentrieren, im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich, dachte Mara. Denn für die Konzentration auf ganz elementare Fragen des Lebens – z.B. was ist mir am wichtigsten und wie sollte mein Alltag am besten aussehen, investiert man nicht mal einen minimalen Bruchteil dieser Konzentration. Sie erinnerte sich gerade an eine Beschreibung über die vielen Komponenten, aus denen ein Teebeutel bestand und wie viel Energie investiert werden musste, bis der Tee vom Feld endlich in der Tasse gelandet war. Es war damals ein Augenöffner für Mara gewesen, wie teuer und uneffektiv in Wirklichkeit moderne Produktion ist, wenn man sich mal die Lebenszklusanalysen von Produkten anschaute, oder einfach nur den gesunden Menschenverstand walten ließ.
“Es gibt nur zwei Dinge, die unendlich sind: Das Universum und die menschliche Dummheit. Bei ersterem bin ich mir jedoch nicht ganz sicher”. Das war ein oft verwendetes Zitat vom angeblich intelligentesten Menschen der Welt. “Er selbst war das beste Beispiel dafür” , sagte ihr Liebster einmal und verwies darauf, dass derselbe Mann einst dringend zum Bau der ersten Atombombe geraten hatte. “Das ist ungefähr so, wie eine scharfe Handgranate in ein mit unerzogenen, traumatisierten Kindern überfüllten Raum zu rollen, die Sicherheitstür hinter sich zu schliessen und dann über Lautsprecher mitzuteilen, dass es unendlich dumm wäre, an dem Trigger zu ziehen. Sehr intelligent, wirklich.”
Prima, wieder eine Ikone vom Podest geschoßen, dachte Mara damals. Darin war er ja gut. Aber sie vermisste, dass er auch mal was Brauchbares in den leeren Raum stellte, den er produziert hatte.
Persönlich betroffen gemacht hatte sie einmal vor einigen Jahren die Beschreibung eines dänischer Maschinenbau-Ingenieurs, der zusammen mit 700 anderen Mitarbeitern an der beständigen Verbesserung der Einspritzpumpe eines bestimmten Schiffsmotortypen arbeitete, seit vielen, vielen Jahren schon 7 Stunden täglich vor einem Schirm hockte, und hoffte damit fortsetzen zu können bis zur Rente, auch wenn er davon noch 20 Jahre entfernt war.
“Endlich hatte ich mal jemanden persönlich kennengelernt aus diesem Riesenheer von grauen Existenzen, die tagtäglich all diese kleinen und großen technischen Wunderwerke erschaffen”, hatte sie einem Freund erzählt. “Das hatte ich mir schon lange mal gewünscht.”
“Ich eigentlich auch”, sagte dieser Freund zu Mara’s Überraschung. “Nur, wo trifft man solche Leute?”
“Dort, wo ich auch meinen Liebsten getroffen habe, auf einer Silberhochzeit in Kopenhagen”, sagte sie nun zu seiner sichtlichen Überraschung.
Pussy Parade
Jeden Tag zwischen 17.00 und 19.00 Uhr füllten sich Lalongo’s Straßen und engen Gassen mit den gewerblichen Damen, mehr zielstrebig marschierend als gelassen schlendernd, hin zu den unzähligen Bars und Tanzlokalen in Sin Alley.
“The Pussy Parade” nannten es nicht nur die Herren der Schöpfung ohne den geringsten Ton der Verachtung. Es klang fast liebevoll, als Sepp davon erzählte, wie von einem lieb gewonnenen, täglich wiederkehrenden Ritual, das er sichtlich genoss. 364 Tage im Jahr fand es statt. Nur Heiligabend war alles geschlossen. Ein Funken Heiligkeit musste wohl sein.
Mara’s Blicke verfolgten besonders die Augenweiden unter diesen Wesen, die mehr oder weniger selbstsicher vorbei stolzierten in Miniröcken und Pumps. Klack, Klack, Klack. Manche hielten es mehr mit Hot Pants, oder casual mit knie- oder knöchellangen Kleidern und klassischen Ledersandalen, für romantisch veranlagte Alt-Hippies, nahm Mara an. Davon hatte sie hier auch einige Exemplare gesehen. Nur wenige Ladies traten ihren Dienst an in Jogginghosen und Hiphop-Stil, und wenn, dann in teuren Markenwaren. Tagsüber beim Besorgungen machen konnte man sie auch in solchen Klamotten sehen, allerdings dann ungeschminkt. Viele sahen dann einfach besser aus. Am schlimmsten waren diese Cremes, die die dunkle Haut aufhellen sollen, während sie bei uns zuhause ins Solarium rennen. Absurde Welt, mal wieder, summierte Mara.
Mara versuchte es erst zu ignorieren, aber sie spürte deutlich ein Gefühl von Neid, oder zumindest von Wehmut, das in ihrer Brust stach, ob sie wollte oder nicht. Sie erinnerte sich an ihre jungen Jahre und an all die Aufmerksamkeit, die sie als hübsche junge Frau bekommen hatte. Wie schön das war, damals. Ihre kleinen Flirts hier in der Stadt hatten dieses wunderbar prickelnde Gefühl in der Bauchgegend wieder etwas aufleben lassen. Schmetterlinge im Bauch wollte sie das noch nicht nennen. Aber vielleicht waren die ersten Larven dabei, sich zu öffnen. Jetzt konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen.
“Age is just a number, Sir”. Das war einer der ersten Standardsätze, den die Bargirls lernten, um den Bargästen die Scheu, das schlechte Gewissen und die Angst zu nehmen, nur als alter, geiler Geldsack betrachtet zu werden, den man nach Belieben ausnehmen könnte.
“Keywords that open doors”, hatte Sarah das genannt, wieder mit dem ihr eigenen schelmischen Lächeln. Ja, Hosentüren und Portemonnaies, dachte Mara nur.
Scham
Im Gegensatz zu anderen Kulturen gab es hier anscheinend keine sichtbaren Anzeichen von gesellschaftlicher Ächtung, nicht mal herablassende oder mitleidige Blicke auf die Prostituierten.
Mara fiel gerade auf, wie häßlich, zumindest aber wie technokratisch das Wort ‘Prostituierte’ klang. Früher gab es Bezeichnungen wie Freudenhäuser und Freudenmädchen. Das war auf jeden Fall eine präzisere Bezeichnung, denn man kann wohl nicht leugnen, dass die Aufgabe dieser Tätigkeit darin besteht, Freude zu verbreiten, auch wenn’s vielleicht selten auf Gegenseitigkeit beruht. Aber diese Bezeichnungen waren wohl schon längst der sprachlichen Inquisition der Woken zum Opfer gefallen.
Das Wort Prostituierte bedeutete ursprünglich “eine, die sich zur Schau stellt”, hatte Mara herausgefunden. Das war zwar nicht verkehrt, aber traf doch weniger den Kern, auch wenn Sehen-Gesehen-werden ein Teil des Spiels ist. Außerdem haben diese lateinischen Fremdworte schnell einen kühlen administrativen Klang. Latein war eben mal eine reine Schriftsprache, erinnerte Mara aus der Schulzeit.
Der Ausdruck Sexarbeiter war zwar weniger behaftet mit Schuld- und Schamgefühlen, aber von irgendeiner Freude oder Lust schimmerte bei diesem Ausdruck auch nicht gerade viel durch. Wie auch immer, die Ausübung dieser Tätigkeit war in der sogenannten Ersten Welt nicht gerade mit dem besten Ruf behaftet. Hier war fast das Gegenteil der Fall. Viele, besonders die Jugend, bewunderten und imitierten ganz offensichtlich diese Girls and Boys, die, oft nicht mal volljährig, ihre angestammte Heimat verlassen hatten zwecks Versorgung der Familie und um – was nicht zu übersehen und zu überhören war – Spaß zu haben.
“Girls wanna have fun” – while boys are it! hatte Mara mal irgendwo in einem Chat gelesen.
Dazu gehörten schicke Klamotten, Schmuck und immer das neueste Phone, und wenn’s richtig gut lief, einen Honda Click-Scooter. Das machte Eindruck auf die lokale Jugend, von dem ein kleiner Teil bis vor kurzem sogar noch in der Steinzeit gehaust hatte. Jedenfalls machte es mehr Eindruck als Kirchenchor, Pfadfindergruppe und Livelihood-Kurse der NGOs. Mara wunderte es nicht.
Lust
War es das, was Mara fehlte, und warum es sie immer öfter nach Lalango zog?
“Du bist keine 20 mehr, vergiss das nicht”.
Wie oft hatte Regine – eine Quelle der Vernunft mit einem verborgenen Vulkan der Leidenschaft darunter – sie schon daran erinnert? Oft genug jedenfalls, um sich nicht mehr aufreizend zu kleiden in der Öffentlichkeit, außer an Fasching vielleicht, wo man mal ein bisschen die Sau rauslassen durfte, manchmal sogar im wahrsten Sinne der Worte. Denn was gab es eigentlich Geileres, als tierisch geil zu sein, saugeil sozusagen, so geil, dass einem der Lustsaft aus der Spalte tropft, wie bei einer richtigen Sau. Aaaah, wie geil es war, die eigene Geilheit zuzulassen. Manchmal hatte sie Angst gehabt, dass sie feuchte Flecken oder gar kleine Pfützen hinterlassen könnte, die sie entlarven konnten, z.B. auf dem Sitz im Schulbus, nachdem sie ihrer Phantasie freien Lauf gelassen hatte, oder auf dem Stuhl im Klassenzimmer nach dem Lateinunterricht. Dieser schüchterne, etwas verklemmt wirkende Lateinlehrer batte es ihr wirklich angetan.
Auch wenn’s manchmal weh tat: Mara wurde immer aufrichtiger zu sich selbst, fand sie zumindest selbst. Das war auch und vor allem der Glückskleebande zu verdanken. Das war natürlich das Beste von Allem hier in ihrer neuen Heimat. Ohne dem hätte sie sich hier genauso verloren gefühlt wie überall anders auch, und hätte deshalb auch viele der Dinge gar nicht wahrgenommen, die jetzt ihr Leben bereicherten.
Wer von den Ladies of the Night hier sich besonders gelungen herausgeputzt hatte, wurde mit bewundernden Blicken überhäuft, nicht nur von Männern. Eine wahre Droge musste das sein, dachte Mara.
Na klar. Dopamin pur. Deshalb schien jeder zweite Laden hier ein Friseur-oder Schönheitssalon zu sein, der Rest Schuhläden und teure Restaurants, wohin die Schönen von ihren Freiern eingeladen wurden, nachdem man sie in den Bars ausgelöst oder als Freelancer auf der Baywalk aufgefischt hatte. Die Seeleute in Hamburg hatten, früher, vor der Container-Ära, diese Freelancer Dockschwalben genannt. Der Ausdruck Pierdrongos würde hier passender sein, dachte Mara, nachdem sie das Geschehen auf der Baywalk länger beobachtet und mit der Reeperbahn, zeitweise ihr zweites Zuhause, verglichen hatte.
Drongos, von denen sie viele auf dem Projektgelände hatten, sind im Gegensatz zu Schwalben keine hektischen Dauerjäger, die von der Masse kleiner Insekten leben, sondern eher Lauerjäger. Ein Drongo kann lange Zeit auf einem Ast sitzen, bis er endlich einen dicken Brummer erspäht, den er sich dann blitzschnell im Sturzflug schnappt.
Meist genügte ein Augenkontakt und ein kurzes Lächeln im richtigen Augenblick, und die Beute war im Schnabel.
Nix mit “Na Süßer, wie wär’s? Blasen, Ficken, was du willst”.
Wie oft hatte Mara das im Vorbeigehen gehört auf der Reeperbahn, manchmal sogar an ihre männlichen Begleiter gerichtet, wenn man sich nicht deutlich als Paar zu erkennen gab. Ganz schnell waren sie zur Stelle. Wie tief fliegende Schwalben kamen sie so dicht heran, dass ihr billiges Parfüm in die Nase stach.
“Das würde man hier selbst mit der billigsten Straßenhure nicht erleben”, wurde Mara von dem langjährigen Betreiber einer dieser Girly-Bars aufgeklärt. ”So wenig Selbstrespekt hat hier niemand”.
Mara’s anfängliche Abneigung gegen das Rotlichtmilieu, geprägt von ihrer Zeit auf der sündigsten Meile der Welt, zeitweise ihre zweite Heimat, veränderte sich zunehmend in Neugier. Was trieb die Menschen hierhin und hatte eine ganze Stadt mit ihrer 24/7 Betriebsamkeit aus dem sandigen Boden gestampft? Die Stadt lebte von dieser Branche. Sie war nur aus ihr heraus entstanden. Sonst würden hier nur ein paar mit Palmblättern gedeckte Fischerhütten stehen, wie noch vor 50 Jahren. Welche Antriebskraft liegt dahinter? fragte der Entschlüssler in seiner unbändigen Neugier.
Ist es nur die seit Jahrtausenden heftig unterdrückte Sexualität? Oder gibt es noch andere Gründe?
Nur?! schrie es förmlich aus Mara heraus in diesem inneren Dialog. Nur?! Es ist nicht zufällig die Kraft, die neues Leben schafft. Was kann wohl alles passieren, wenn so eine Kraft ständig unterdrückt wird?
Als erstes fiel ihr Testosteronüberschuss ein, und damit Konkurrenzkampf bis hin zum Krieg. Damit müsste das “nur” schon mal vom Tisch sein, meinte Mara. Selbst wenn man diese Energie ganz und gar verbergen und wie eine Grasfläche mit Beton zuschütten würde, bliebe sie nicht lange verdeckt. Denn das Leben will leben und wird sich früher oder später seinen Weg bahnen und den Beton nach und nach aufbrechen. Unkraut vergeht nicht. Mein Gott, was war sie heute wieder philosophisch – taschenphilosophisch würde ihr dänischer Liebster es nennen. Philo-to-go, sozusagen.
Mara hätte es nicht gewundert, wenn ihr Entschlüssler am Ende herausfindet, dass Städte nur entstanden sind, um sich von der Unterdrückung durch stammesgesellschaftliche Regeln zu befreien, allen voran den sexuellen Restriktionen, und dabei wiederum ganz besonders den Regeln, die sexuelle Begierde in Bahnen lenken wollen, die materielle oder soziale Vorteile damit verknüpfen wollen. Stichwort: Ehe.
War es vielleicht kein Zufall, dass die stärksten Wahrzeichen einer Stadt von jeher ihre Türme sind, dem Phallussymbol schlechthin, nur noch übergangen von Raketen? Waren Städte der Versuch, sich aus der matriarchalischen Umklammerung von Stammesgesellschaften zu lösen?
Ja, das war’s! Mara ging ein Licht auf. Lalango war Babylon, und Babylon war Lalango. Mara fühlte sich schwebend auf einer Wolke geistiger Erkenntnis. Sie kam sich plötzlich vor wie eine große Entdeckerin. Ein neues, tolles Gefühl war das, musste sie gestehen. Erhebend ohne Überheblichkeit.
Doch gleich darauf kam ihr innerer Skeptiker zu Wort. Das werden andere schon längst gedacht haben. Frag doch mal ChatGpt. “Ein andermal”, reagierte sie. Zu sehr genoß sie die Vorstellung, gerade einen geistigen Schatz zu heben.
Mara stellte sich dann vor, man würde z.B. das Spielen verbieten, es entweder als moralisch verwerflich verbannen aus dem Alltag oder gar gesetzlich verbieten. Zu spielen ist nicht nur für Kinder ein Grundbedürfnis. Musik, Tanz und Gesellschaftsspiele gehören seit Urzeiten zum menschlichen Dasein.
Was passiert, wenn man ganz natürliche Bedürfnisse ständig unterdrückt?
Man fühlt sich nicht mehr wie sich selbst, dachte Mara, man entwickelt merkwürdige Verhaltensweisen zwecks Kompensation von Leiden, die Psychologen früher Neurosen nannten.
Der größte Teil der Menschen beugt sich den Mächten, die solche Regeln gegen die menschliche Natur anordnen und hoffen dann oft ein Leben lang auf Veränderung, oder resignieren und stumpfen langsam aber sicher ab, bis sie die unterdrückten Bedürfnisse irgendwann nicht mehr spüren.
Ein anderer, aber wesentlich kleinerer Teil der Bevölkerung versucht diese Regeln irgendwie zu umgehen, selbst unter dem Risiko gesellschaftlicher Ächtung. Im Falle des Spielverbots würde sich dieser Teil heimlich treffen, ob nun zur Schachpartie, Skat oder Ringelpietz, oder Gaming in irgendwelchen Online-Schlupflöchern. Dieser Anteil der Bevölkerung würde nach Mara’s Schätzung ungefähr 5 – 10 % ausmachen.
Nur sehr wenige würden sich öffentlich gegen ein Verbot dieser Art zur Wehr setzen. Das wären nach Mara’s Einschätzung ca. 1- 2 % der Bevölkerung, zu denen sie auch mal gehört hatte. Attac, Castor, Irakkrieg – mein Gott, das war alles schon so lange her. Das fühlte sich an wie aus einem anderen Leben.
Gäbe es einen wesentlichen Unterschied zwischen Sex-und Spielverbot? bohrte der Entschlüsseler tiefer. Er hatte Blut geleckt. Dieses Rätsel sollte heute gelöst, die fette Beute zur Strecke gebracht werden. Es war der Endspurt des Brainstorms, vergleichbar mit dem Laufschritt beim Verfolgen der Fährte eines Beutetieres.
Sex ist die Energie, die neues Leben schafft – die Urkraft schlechthin, die auch in jedem Tier steckt, während Spiel die Gemeinschaft stärkt, die keinem Tier in gleichem Maße gegeben ist wie dem Menschen. Von daher könnte man Spiel als mehr charakteristisch für den Menschen bezeichnen als Sex. Aber das sagt nicht unbedingt etwas aus über das Kräfteverhältnis. Sex kommt aus dem starken, unberechenbaren Wurzelchakra, Spiel aus dem empfindlichen und eher beinflussbaren Bauchchakra, gab der Emtschlüssler zu bedenken.
Spiel wie Sex unterliegen Beschränkungen, letzerer mit deutlich höherem moralischen Akzent. Die Beschränkungen bzgl. des Glückspiels haben Orte wie Las Vegas erschaffen, die Beschränkungen bzgl. Sex Orte wie Lalango.
Was macht den Reiz von Glücksspiel aus und was den Reiz von Sex? Bei letzterem könnte man jetzt einfach sagen, Fortpflanzungstrieb, fertig. Doch warum trieben es die Menschen und ein paar Primatenarten ständig miteinander, auch wenn gar kein Bedarf für Fortpflanzung bestand? Das könnte glatt ein paar Extra-Fragestunden bei dem Enschlüsseler kosten, dachte Mara, Stunden, die sie im Moment nicht hatte.
Und warum wurden sexuelle Handlungen beschränkt, wie immer mit dem Argument ‘zum Schutz der Bevölkerung’? Mara bemerkte, dass sie hier auf eine große Ader gestoßen war, die sie lieber ein anderes Mal anzapfen sollte. Aber eine Blitzanalyse wollte der Entschlüssler doch gerne loswerden:
In den “paradiesischen” Zeiten des Nomadentums zählten andere Parameter als in der nachfolgenden zivilisatorischen Ära mit Acker- und Städtebau, wo es hauptsächlich um Besitzwahrung oder Anhäufung ging. Bei einem nomadischen Leben ist die körperliche Verfassung das A und O. Den genetisch stärksten Nachwuchs gibt es, wenn eine Frau nur ihren Sinnen folgt bei der Auswahl des oder der Paarungspartner. Dessen war Mara sicher, ohne dazu irgendwelche wissenschaftlichen Studien herangezogen zu haben. Also, am besten immer der Nase nach, dachte Mara.
Kranke, Behinderte und Schwache haben bei der nomadischen Lebensweise kaum Überlebenschancen. Allerdings werden sie auch gar nicht erst produziert werden, wenn nur starke Gene weitergegeben werden.
In der zivilisatorischen Gesellschaft dagegen sind mentale Fertigkeiten in der Regel mehr Erfolg bringend als körperliche Tüchtigkeit und werden daher mehr gefördert. Diese Fertigkeiten “züchtet” man mit Disziplin, wozu u.a. nicht nur die Unterdrückung der sexuellen Triebkraft, sondern deren Ausnutzung zu gewinnbringenden Zwecken betrieben wird. Wohl nicht ohne Grund nennt man Prostitution das älteste Gewerbe der Welt. Bingo! hallte es im Hinterkopf. Die Ehe zwecks Sicherung von Eigentumsverhältnissen könnte man das zweitälteste Gewerbe der Welt nennen, war sich Mara jetzt sicher.
Dann erst konnte das entstehen, was wir heute Hochkultur nennen. Dessen Fundament bestand also aus der Unterdrückung bzw. Regulierung der natürlichen Sexualität. Damit hatte man das freie Spiel zwischen Mars und Venus, Yin und Yang, zwischen Kerl und Weib, also den spannendsten Teil der Dualität aus Mara’s Sicht, ganz erheblich gestört.
War es dieses freie Spiel zwischen den beiden Polen, an das Mara in Lalango erinnert wurde?
Auch wenn dieses Spiel ja eigentlich ja immer aufs gleiche hinauslief – vereinfacht: Mars will Abenteuer und Abwechslung, Venus Sicherheit und Beständigkeit, gemeinsamer Nenner ist die Neugier. Bei den meisten Begegnungen hatte Mara den Verlauf schon nach wenigen gemeinsamen Minuten voraussehen können, bis hin zum letzten Akt. Und trotzdem blieb da immer eine Restspannung bis zur nächsten Vorstellung. Dieses Spiel wurde einfach nie langweilig.
Wie konnte das eigentlich angehen? War es dieses Eigenleben des Wurzelchakras, das da seinen Anteil forderte, entgegen allen Einwänden des Bauch- und des Sonnengeflechtchakras, wo laut ihrem Liebsten die Gemeinschaft bzw. das Ego ihren Sitz hatten?
Ein weiterer Fall für den Entschlüsseler, der erstmal auf den Haufen mit den ungeklärten Fällen landete.
Romeo und Julia
Doch was war das nun für eine Geschichte?
Wohl nicht ohne Grund handelten die meisten Musikstücke, Filme und Romane heutzutage im Prinzip um diese Geschichte. Und war eine romantische Liebesbeziehung nicht auch das schönste, das magischste, was Mara je in ihrem Leben erlebt hatte? Konnte es etwas Schöneres, Spannenderes und Bewegenderes geben auf der Welt, als wenn zwei Menschenherzen sich vollkommen füreinander öffneten?
Mara spürte einen kurzen Stich in der Herzgegend, und danach eine betäubende Schwere. Ein Stein, der sich tonnenschwer anfühlte, schien sich plötzlich in ihrer Brust platziert zu haben. Ihr wurde schlagartig klar, dass hier ein ungelöstes persönliches Problem lauerte, durch das sie gerade über diese innere Diskussion aufmerksam geworden war. Dass sie dieses Problem offensichtlich nicht nur mit Romeo und Julia, sondern anscheinend mit der ganzen Welt teilte, war im Moment kein großer Trost.
“Nicht jetzt”, sagte der Entschlüssler, “das ordnen wir später”.
Das Problem war zu groß und zu schwer, um es hier und jetzt anzugehen. Maras Herzschlag normalisierte sich wieder. Sie hatte keine Angst mehr, plötzlich zu kollabieren.
Klärungen
Wieso konnte sie so klare Gedanken haben mitten im Getümmel einer quirligen Stadt haben?
“Ist schon ein irrer Tag”, sagte sie zu sich selbst. Dabei war nicht mal blauer Himmel heute. Ein Tiefdruckgebiet zog gerade heran.
Was machte nun wohl den Reiz des Glücksspiels aus? Der Entschlüssler war immer noch am Ball.
Der Reiz könnte der gleiche sein, den ein Jäger der Urzeit empfand, wenn er auf der Fährte eines gefährlichen Beutetieres war und ihm dann endlich der Fangschuss gelang. Hit! Full house!
Beschränkungen beim Glücksspiel wurden eingeführt, weil nicht wenige Haus und Hof verspielten und ihre Familien damit in arge Schwierigkeiten brachten. Wahrung von Besitztum also, wie bei der Beschränkung des Sex zugunsten der Ehe.
In der nomadischen Urzeit benötigte man keine Beschränkungen, den es gab kein Eigentum, das man be-sitzen und verteidigen mußte. Wer nicht tüchtig genug war zum Jagen, verlor schnell an sozialem Status in der Gruppe, was ganz einfach überlebenswichtig war, im Gegensatz zu späteren Epochen der Menschheitsgeschichte, wo es Städte gab – und Glücksspiel als Kompensation für mangelnde Jagdkicks.
“Das könnte es sein” , sagte Mara’s jetzt müder werdende Hirn, “oder zumindest ein Teil der Entschlüsselung dieses Phänomens sein” .
Mara fiel gerade eine Geschichte aus dem Religionsunterricht ein, die sie seinerzeit nicht verstanden hatte. Die ersten Menschen, Adam und Eva, hatten zwei Söhne gezeugt, wovon der eine den anderen erschlug und sich dann vom Acker machte, in eine ferne Stadt. Doch wo kam denn plötzlich diese Stadt her, wenn diese vier Menschen die einzigen auf der Welt waren? fragte sich dieses Schulkind damals. Dass die Menschheit bei diesem Konzept zum Aussterben verdammt war, selbst bei geglückter Inzucht, war ihr damals im Alter von 7 Jahren noch nicht klar.
Doch was wollte die Geschichte eigentlich erzählen? Städte als Hort des Bösen darstellen, wo selbst Brudermörder Zuflucht fanden, wenn auch gebrandmarkt fürs Leben?
Abel war ein Nomade, demütig und mit wenig zufrieden, Kain dagegen ein sesshafter Bauer und ehrgeizig. Plötzlich dämmerte es Mara. Abel stand für das edle indigene Volk, Kain für die gierige Zivilisation, die Ackerbau erfand und Städte erschuf und dazu indigene Völker aus dem Weg räumen musste. Die biblische Geschichte war ein Klagegesang auf den Verlust der heilen indigenen Welt, dem Garten Eden.
Bingo! rief der Entschlüssler wieder.
Mara konnte es einfach nicht fassen, was in diesen wenigen Minuten alles an Gedanken aufgetaucht war, mitten auf einer belebten Straße an einem Ort, der ihr fremd und gleichzeitig vertraut vorkam.
Moral
Die Hüter der Moral hatten in Lalango keine Chance. Das fühlte sich befreiend an für Mara. LBQT z.B. sagte hier kaum jemanden etwas, da hier diesbezüglich schon immer alles akzeptiert war, entgegen der öffentlichen Moral und offiziellen Gesetzgebung. Es ging da ähnlich locker zu wie bei der örtlichen Verkehrsregelung: Ampeln, Einbahnstraßen und Helmpflicht wurden nur berücksichtigt während der regulären Arbeitszeiten der örtlichen Polizei an Werktagen von 07.00 bis 17.00 Uhr. Obwohl ansonsten ein Ordnungs- und Struktur liebender Mensch, fand Mara das irgendwie witzig. Unfälle gab es wahrscheinlich weniger, dachte sich sie sich, denn alle waren in dieser Zeitspanne der Gesetzlosigkeit etwas aufmerksamer, könnte man sich vorstellen.
Während Mara inmer noch den Östereicher zu ihrer Linken auf einem Barhocker sitzen hatte, stand die Prostituierte, nein, das Freudenmädchen, oder korrekter, der Freudenjunge zu Mara’s Rechten mit einem Mango-Juice, zu dem der Österreicher eingeladen hatte.
Die Frage, ob sie/er sich als Sexarbeiter ausgenutzt fühlte von Barbesitzern oder Kunden, und sich vielleicht dafür schämte, den eigenen Körper zu verkaufen, hielt Mara zurück. Weder eine Spur von Scham noch Bitterkeit konnte sie entdecken, nur Sorgen darüber, ob die Familie in der Provinz auch genug zum Leben hätte, und ob ihr Hairstyling auch zu ihrem Outfit passte heute Abend. Tat es nicht. Mara versuchte, die direkte Frage danach diplomatisch zu beantworten mit
“Not really my style but many will like it”. Das war genug, um sie bzw. ihn happy zu machen. Doch wahrscheinlich hatte sie/er aus Erfahrung die Fragen nach Bitterkeit und Scham erwartet, oder ganz einfach Mara’s Gedanken gelesen, und gab die Antwort ohne gefragt zu werden:
“Weißt du, wenn ich auf dem Reisfeld arbeite, verkaufe ich meinen Körper an den Farmer, und wenn ich in der Grocery arbeite, an den Ladeninhaber. Alle meine Mamasans waren beschützend und fürsorglich, und weitaus die meisten Freier waren sehr respektvoll und freundlich zu mir, und einige sogar sehr verwöhnend. Das bekommen sie dann auch zurück von mir. Darin bin ich gut”, sagte sie, wieder mit ihrem typischen schelmischen Lächeln.
“Aber weißt du, wir sind alle Pretty Woman, die davon träumen, Mr. Lewis zu treffen, one fine day. Allein das ist Grund genug, sich immer in guter Form zu halten. You never know, you know”, sagte sie mit einem Augenzwinkern.
Zum Schluss des Gesprächs, es war schon nach 18.00, zeigte sie mir noch Fotos von sich zusammen auf einer Rundreise mit ihrem Lieblingskunden.
“Kennst du ihn hier? Er sagte mir, dass er ein bekannter Schauspieler ist in Deutschland. Ist das wahr?”
Bei Mara zog sich alles zusammen, als sie das Foto sah. Und ob sie diesen Kerl kannte. Über Jahre hatte sie sich jeden Sonntagabend ‘Tatort’ reingezogen, zusammen mit Bring-Pizza und Rotwein. Das war ein Ritual, seit ihrer Jugend schon, und ‘Tatort’ war zuletzt so ziemlich das Einzige, was sie noch verdauen konnte an TV-Kost.
Sie kannte alle Kommissare, und dieser hatte es ihr besonders angetan. Und der war schwul? Oder wie sollte man das jetzt nennen in diesem sprachlichen Genderwirrwar der letzten Jahre?
“Nicht zu fassen”, sagte sie zu sich selbst, diesmal laut.
Sarah sah sie unsicher an. Mara reagierte. “Ja, ich kenne ihn, klar. Er ist ein außergewöhnlich guter Schauspieler, denke ich”.
Mara wollte ihre Bewunderung, gekoppelt mit einem Anflug von Eifersucht, nicht allzu sehr durchscheinen lassen. Sarah’s Augen leuchteten, während sie ein Bild nach dem anderen herunterscrollte, dass sie und ihn auf Rundreise durchs Land zeigten.
“Isn’t he handsome?” Sie wartete nicht auf Mara’s Antwort und sagte: “Sorry, I’ve to go. Duty’s calling. See you around here. So long”.
Sie fügte sich galant ein in den immer noch nicht abgerissenen Strom von Frauen und Männern auf dem Weg zur Arbeit in Sin Alley.
Wie viele von ihnen werden wohl eines Tages einen Mr. Lewis treffen? dachte Mara, während sie Sarah nachsah. Und waren die wenigen Mr. Lewis dieser Welt nicht auch gewarnt durch die Tresenwahrheit der alten Hasen unter den Sextouristen, die gerichtet war an diejenigen, die gefallene Engel retten wollten?
“It’s easy to get the girl out of the bar, but impossible to get the bar out of the girl”.
Der Sepp übersetzte mir das so: “Wenn so ein Girl sich erstmal an den Luxus, die ständige männliche Aufmerksamkeit und nicht zuletzt an den Zusammenhalt der Bargemeinschaft gewöhnt hat, will sie immer wieder dahin zurück. Auf jeden Fall wirst du keine fürsorgliche Hausfrau mehr aus ihr machen können. Spoilt for ever, haha”.
Er schüttelte lachend seinen Kopf und sein schütteres Haar wehte herum in der Luft. ”Da musste dir schon eine Tussy aus der Provinz schnappen, bevor sie Barluft geschnuppert hat”.
Anstöße
Bei der Vorstellung einer Pretty Woman- Lebensart – natürlich nur mit netten, gutaussehenden Kunden wie dem Tatort-Kommissar, versteht sich – spürte Mara diese kleinen rhythmischen Stöße im Unterleib. Für einen Moment lang fühlte sie sich wieder wie 20. Langeweile und Eintönigkeit schienen bei diesem Lebensstil jedenfalls unbekannt. Es passierte dauernd irgendetwas, das zumindest einen interessanten Tratsch wert war.
“Schon gehört? Diese trifft sich mit jenem, und jene mit diesem. Wer hätte das gedacht, nicht wahr? Die schöne Marissa, Startänzerin, aber zuletzt nur noch ein Crack-Wrack, hat’s endgültig umgehauen. Beerdigung am Samstag. Der neue Massagesalon hat Discountwoche und das Cocoway ist pleite, eine neue Bar hat Eröffnung, mit Freibier bis Mitternacht”….
Länger andauernden Stillstand gab es hier offenbar nicht. Mara erinnerte das irgendwie an glückliche Zeiten in ihrer Kindheit. Da passierte auch immer etwas. Stillstand gab es nicht. Langeweile war ein Fremdwort, genau wie für die digital ausgerüsteten Kinder heutzutage, doch mit dem markanten Unterschied, dass die Wirklichkeit in Mara’s Kindheit noch zum Anfassen war.
Das Gefühl von absolutem Stillstand hatte sie das erste Mal in ihrer jungen Ehe erlebt. Selbst Schuld, sagte sie sich später. Sie war jung, ungeduldig, und unbändig gewesen. Sie wollte ihr natürliches Bedürfnis nicht jahrelang auf Eis legen und dann eine der sog. Spätgebärenden werden, von denen es seit der Boomer-Generation ihrer Meinung nach viel zu viele gab. Das kam ihr unnatürlich vor. Wie sagte ihre Nachbarin mal, eine Hebamme: “Wer je eine 17 Jährige hat gebären sehen, weíß, was die Natur vorgesehen hat.”
Deshalb hatte Mara entgegen dem Zeitgeist, und überhaupt entgegen allen vernünftigen Ratschlägen, früh geheiratet, um nicht allein mit der Kinderversorgung dazustehen. Heiraten war wieder akzeptabel und geradezu hip geworden.
Aus dieser Zeit war bei ihr das Zitat einer frühen Feministin hängengeblieben: „Die Frau bezahlt für die Ehe mit ihrer Freiheit; die Prostituierte nur mit ihrer Zeit.“
Es war ein teurer, um nicht zu sagen, völlig überteuerter Preis, den sie da bezahlt hatte, fand sie später heraus. Aber wie sagte ihr “Lieblingsdäne”, mit dem sie jetzt schon seit über 5 Jahren zusammen war, immer wieder zu ihr? “Weine nicht über verschüttete Milch”.
Würden kommende Generationen sich wohl weiterentwickeln und sich vom Joch der Moral befreien können? Ein Ort wie Lalango ließ da trotz aller Schattenseiten ein wenig hoffen, fand Mara. Ihr ging es um den Geist des freien Spiels zwischen Polen und der natürlichen Anziehungskraft nichts mehr entgegenzusetzen, mit dem Strom zu fließen, wie Kinder zu werden, den Flirt mit dem Dasein zu genießen und sich dem Tanz des Lebens hinzugeben, der hier in Lalango mehr als irgendwo anders getanzt wurde, wo sie bisher gewesen war.
Brave neue Welt
Aufgemuntert von den vorherigen Begegnungen, hatte Mara sich getraut, eine Person anzusprechen, die aussah wie einer der Performer aus der Drag Queen Show, die zur Zeit im Exokicks geboten wurde, einer der alteingesessenen, größeren Tanzbars. Es war ein hochgewachsener, schlanker, einfach umwerfend gut aussehender junger Mann – wie man dieses transvestite Wesen aber ganz sicher nicht nennen durfte, war sich Mara sicher. Diese Person saß alleine an einem der Tische und sah etwas gelangweilt aus. Low batt verhinderte die Flucht in Cyberspace, nahm Mara an. Wahrscheinlich war es das I-Phone dieser Person, das in der Ladestation hinter dem Tresen lag. Als Mara sie ansprach, erhob sie sich, gab Mara die Hand und stellte sich höflich als Babylonna vor.
“Totally hopeless, this place”, erhielt Mara als Anwort auf die Frage, wie Babylonna Lalango gefiel.
“Dirty, noisy, bad smells, bad styles, and worst of all, bad payments – that’s it.”
Wie sich später herausstellte, war sie eine internationale Berühmtheit auf entsprechenden Online-Plattformen und hatte dem Angebot zur Teilnahme an dieser Show im Exokicks nur zugesagt, um einfach mal die Luft von altmodischen Bühnen zu schnuppern, wie sie es nannte.
“Also reine Neugier, und ein bisschen Nostalgie”, fügte sie noch mild lächelnd hinzu.
Denn nötig hatte sie es nicht. Als sie Mara von den Einkommensmöglichkeiten auf BIGO Live und anderen Plattformen erzählte, spürte Mara, dass diese Person keine Aufmerksamkeit damit erhaschen wollte. Sie hatte vielleicht einfach nur das Bedürfnis, sich mit jemandem auszutauschen, der kein geifernder Sextourist und keine abgewrackte Kollegin aus ihrer Branche war. So kam es Mara jedenfalls vor.
“Lalango ist der letzte Platz, an dem ich enden möchte”, sagte Babylonna mit einem Ausdruck von Abscheu im Gesicht. Lalango schien in ihren Augen die Endstation für gescheiterte Dragqueen-Karrieren zu sein. Babylonna trank ein Perrier-Wasser, das hier, aus welchem Grund auch immer, fast mehr wie französischer Champagner kostete. Es war faktisch zu einem Statussymbol und Erkennungszeichen für Edellnutten geworden, die manchmal aus der Hauptstadt zu Besuch kamen, um Strandferien zu machen, ohne gleich alle ihre geliebten Gewohnheiten aufgeben zu müssen. Dazu gehörte es, Perrier zu trinken.
“Das Essen in einigen Restaurants ist hier zwar ganz gut. Aber dafür in so einem Dreckloch hausen, weit weg von Familie und Freunden, da begnüge ich mich dann auch mit GRAB.”
Tatsächlich konnte man bei GRAB und Co. inzwischen vollbiologisches Essen erhalten, geliefert bis an die Haustür. Wie überhaupt fast alles. Selbst rauf in die Berge in das Projektdorf würde GRAB demnächst liefern, mit Drohnen, hieß es.
“Was ist mit Strand, frischer Seeluft und Korallen tauchen?” hakte Mara nach.
“Kann man bald alles virtuell bekommen, wenn einem das wichtig ist. Schon mal was von Metaverse gehört? Mir ist das aber egal. Mich interessieren nur meine Familie, meine Freunde und meine Karriere. In dieser Beziehung bin ich also ganz normal”.
Für Mara wurde nach dieser Begegnung endgültig glockenklar, was die Uhr geschlagen hatte. Die Tage für Orte wie Lalango waren gezählt. Die alten Szenehasen hier sagten das schon lange voraus, während sie von der guten alten Zeit im wilden Südosten Asiens schwärmten. Denn die Zahl der touristischen Besucher nahm von Jahr zu Jahr ab. Da half es auch nichts, wenn das staatliche Budget zur Förderung des örtlichen Tourismus jedes Jahr kräftig erhöht wurde. Bald würden es nur noch Geisterstädte sein, und im besten Fall zu musealen Stätten aus den Dirty Ages erklärt, vielleicht noch als UNESCO – World Heritage, wer wußte das schon? Corona hatte schon mal einen Vorgeschmack gegeben. Die kollektive Zukunft würde sich digital abspielen, und die individuelle in isolierten, klein-familiären Zellen.
“Eigentlich nicht so viel anders als die letzten hundertfünfzig Jahre seit Einführung der industriellen Kleinfamilie”, hatte Gunnar ihr in einer ihrer Diskussionen erklärt, “nur technologisch avancierter”.
Die wenigen, die Stadtluft vermissen würden, würden diese schon bald schnuppern können mit Hilfe von Metaverse oder was auch immer, genau wie durch Korallenriffe zu tauchen oder Berge zu erklimmen. Und mal ehrlich, dachte Mara jetzt, hatte Babylonna nicht recht?
Was bedeuteten solche kurzen, exotischen Momente schon in einem langen Leben?
Das, was zählt, ist der Alltag, der bei geschätzten 99 % der Bevölkerung geschätzte 99 % der Lebenszeit ausmachte.
So sah es jedenfalls für Mara aus. Die schöne neue Welt klopfte nicht mehr an. Sie war schon hereingekommen zur Tür und hatte es sich gemütlich gemacht in der aktuellen Wirklichkeit. Nicht mehr nur als strenger und ständig Stress verbreitender Big Brother mit Krisen, Krieg und Katastrophen, sondern als fürsorglich observierende und ständig regulierende Big Sister, immer schön brav den Regeln zum Schutz der Gemeinschaft folgend. “Security first!”
Neue alte Wege
Solche Begegnungen wie diese mit Sepp und Sarah oder der Dragqueen musste man hier zwar nicht mehr hinter vorgehaltener Hand erzählen – Gutmenschen verabschiedeten sich in der Regel schnell wieder von diesem Projekt. Aber an die große Glocke hängen sollte man dieses Thema hier trotzdem nicht. Es war eben immer noch sehr behaftet mit moralischem Tabu, und es gab eben auch immer wichtigere Themen, wie z.B. die Abwasserentsorgung, die noch nicht überall ganz einwandfrei funktionierte oder die Koordinierung der Joinees, den freiwilligen Kräften aus Übersee.
Doch ihre große Liebe hörte trotzdem aufmerksam zu, wie immer. Er verstand es, wie immer – doch immer öfter nur mit dem Kopf, kam es ihr vor.
“Anyway”, sagte Mara, ihm dabei tief in die Augen schauend, “ich finde, hier muss mehr Leben in die Bude kommen. Das Projekt ist dabei, libidinös auszutrocknen”.
Jetzt sah er das erste Mal auf. Das Wort libidinös hatte sie auch das erste Mal in den Mund genommen. Was hätte sie sonst sagen sollen? Sinnlich, erotisch, sexuell? Sowieso traf keines der Worte, was sie eigentlich ausdrücken wollte.
“Kinder, die zwischen verschiedenen Welten aufwachsen, an einem von Moral entseuchten Ort, wo es nur so summt und brummt vor Lust”.
Ein echtes Gegenmodell, das überall hin übertragen werden konnte, und nicht nur eine hübsche Blase für ein paar auserwählte Insider – das war, was Mara wollte.
Als er zweifelte, verstand sie ihn nicht. Oder wollte es nicht. Für sie war sein Zögern Luxus, ein Verbleiben in der berüchtigten Comfort Zone. Ein Festhalten an Unsichtbarkeit. Angst, gewohnte Strukturen aufgeben zu müssen.
„Wir können nicht ewig traumatisiert bleiben“, sagte sie.„Irgendwann muss man richtig leben, und das auch nach außen tragen. Du weißt, es gibt kein richtiges Leben im falschen.”
Sie machte eine Pause, um seinen Blick zu fangen, denn über dieses berühmte Zitat waren sie sich einst nahe gekommen.
Vornüber gebeugt auf der Matte sitzend, blieb sein Blick stur auf den Boden gerichtet.
“Eines Tages werden sie kommen, zwangsläufig, und uns ihre Falschheit aufdrücken. Wir müssen offensiv werden, alleine um uns selbst zu schützen”.
Sie meinte es ehrlich.
Und ja – sie sah Macht, Geld, Einfluss und eine mediale Aufmerksamkeit, die alles schlagartig verändern könnte. Aber sie sah darin nicht nur das Gift, sondern auch die darin enthaltene Medizin.
Als er zögerte zu antworten, wurde sie ungeduldig.
„Wir können auch nicht ewig vorsichtig bleiben“, sagte sie abends, als sie nebeneinander saßen, bekleidet diesmal, Distanz zwischen ihnen.
„Willst du, dass das hier nur eine winzige Fußnote der Geschichte bleibt?“
Er antwortete wieder nicht sofort, und dann ausweichend. Sie wusste, dass es ihm alles mal wieder viel zu schnell ging, und dass er einfach völlig überfordert war.
Er behielt den Fokus auf mögliche Mängel, während sie die Fülle der Möglichkeiten sah. Und das war der Moment, in dem sie merkte, dass sie sich bereits zu weit voneinander entfernt hatten.
Sie liebte seine Art, morgens erst zu schweigen, bevor er sprach.Wie er beim Essen langsamer war als die anderen, als müsse er sich vergewissern, dass alles real war. Wie er sie berührte – nicht fordernd, nicht prüfend, sondern als wäre Nähe etwas, das man nicht verschwenden sollte. Nachts lagen sie oft wach, nackt, verschwitzt, das Fenster offen. Von unten kamen Trommellaute herauf, Stimmen, Gelächter. Er hörte zu. Sie hörte ihm zu. Sie wusste, dass er zweifelte. Aber Zweifel bedeuteten ihr weniger als Stillstand. Der kam ihr bedrohlich vor.
Als die Nachricht von der Donation die Runde machte, war sie sofort bereit. Sie hatte sich die Stadt schon in allen Details vorgestellt, lange bevor die anderen es taten. Nicht einfach nur größer als der bisherige Ort, sondern vor allem verdichteter. Gassen, Cafés, Werkstätten, Wohnungen mit offenen Fenstern. Kinder, die zwischen Sprachen wechselten. Konflikte, die nicht weggelächelt, sondern ausgetragen wurden, auch mit der Straße als Bühne. Sie sah Liebesgeschichten, die nicht mehr heimlich gehalten werden mussten. Trennungen, die wehtaten, aber die Kinder schützten, weil die Leute blieben – das, was zählt für Kinder. Wenn vertraute Personen plötzlich und für ein Kind aus unerklärlichen Gründen aus dem Alltag verschwinden, ist das schlichtweg eine Katastrophe, die zu einem lebenslangen Trauma werden kann. So viel hatte Mara jedenfalls verstanden, auch wenn sie selbst diese Erfahrung als Kind nicht gemacht hatte.
Wer einmal hier an diesem neuen Ort erstmal angekommen wäre, würde nie wieder weg wollen. Dessen war sich Mara sicher. Wohin denn auch, wenn man sich schon wie im Zentrum der Welt fühlte? Leute aus allen Teilen der Welt würden hier zu Besuch kommen.
Einen Ort konnte sie sehen auf ihrem inneren Schirm, der nicht nur durch seine äußere Schönheit eine magische Ausstrahlung haben würde, sondern vor allem durch seine lebensfreudigen Bewohner. Sie sah lächelnde Händler, singende Handwerker, Musik und Tanz an jeder Straßenecke. Alt und jung, und aus allen Teilen der Welt – keiner blieb von der Lebens- und Spielfreude der Bewohner verschont, wie befallen von einem hochansteckenden Virus. Und alles würde hier noch viel, viel echter sein als in Lalango, weil die Bewohner hier befreit sein würden von der Bürde der Geldwirtschaft, und überhaupt vom Zwang, mehr Anschaffen zu müssen als für ein komfortables Überleben notwendig ist.
Wie einfach und geradezu lustvoll das notwendige Anschaffen sein konnte, hatte sie in den letzten zwei Jahren am eigenen Leib erfahren dürfen in der Zusammenarbeit mit den Isanteas. Die Früchte der eigenen Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes zu genießen, hatte etwas ganz besonderes an sich. Jetzt verstand sie Kleingärtner, auf die sie früher immer ein bisschen schmunzelnd herab gesehen hatte.
Lust würde an diesem Ort die Triebfeder aller Handlungen sein, nicht Pflicht und Notwendigkeit. War diese Vision vielleicht auch der Grund für ihre erhöhte Libido zur Zeit? Diesen Gedanken behielt sie aber für sich. Die Wechseljahre waren zwar nicht mehr allzu weit entfernt, aber es war schon lange kein Geheimnis mehr, dass manche Frauen erst danach richtig loslegten.
Sein Blick verdüsterte sich eher noch nach ihrem Begeisterungsausbruch. Danach sprachen sie nicht mehr.
In den Tagen danach verschob sich etwas.
Nicht offen. Nicht brutal. Nur kleine Dinge. Gespräche fanden ohne ihn statt. Blicke suchten ihn nicht mehr. Ideen wurden weitergesponnen, nachdem er gegangen war.
Jemand sagte lachend:„Du klingst wie jemand, der schon ausgestiegen ist.“
Ein anderer mild lächelnd: „Du wirst dich schon noch daran gewöhnen, größer zu denken. Alles hat seine Zeit”.
Sie lächelte mit. Aber nachts lag sie wach und spürte, wie er neben ihr stiller wurde. Er war noch da. Aber er war nicht mehr Teil des Stroms.
Als die ersten Skizzen für die Erweiterung auslagen, blieb er stehen, betrachtete sie lange – und sagte nichts. Niemand fragte ihn. In dieser Nacht berührte er sie nicht. Und Mara verstand plötzlich etwas, das sie nicht hatte sehen wollen: Man konnte jemanden lieben und ihn trotzdem verlieren, nicht an eine andere Person, sondern an einen andere Richtung im Leben. Wie zwei Schiffe, die lange auf dem gleichen Kurs gesegelt sind, gemeinsam heftige Stürme angeritten haben, an der Pier immer Seite an Seite gelegen haben und sich die Mannschaften immer gegenseitig unterstützten, wo sie konnten, bis dass die beiden Kapitäne irgendwann verschiedene Destinationen ansteuern wollen. Wenn man das doch nur so nüchtern und als das normalste der Welt betrachten konnte. Doch die Seelen von Schiffen und Menschen unterschieden sich da wohl dich gewaltig.
Am nächsten Morgen arbeitete er allein. Nicht ausgeschlossen. Nicht verstoßen.
Einfach nicht mehr gemeint.
Und sie wusste: Jetzt ist er wieder gefangen in seinem schwersten Trauma, dem Gefühl der Isolation von den “anderen” , und irgendwann Isolation von allem. Die Depression folgt dann in der Regel auf dem Fuße.
Wie gut sie es kannte, dieses fürchterliche Gefühl des Nicht-mehr-dazugehörens?
Mara nannte es das Ur-Trauma schlechthin. Andere, wie sie selbst, reagierten da eher mit trotziger Aggression. Das Ergebnis ist aber immer das Gleiche: Stillstand. Und davon hatte sie jetzt endgültig genug. Den anderen in der Gruppe ging es anscheinend ähnlich.
Wenn er jetzt ging, würde niemand ihn aufhalten. Nicht aus Härte. Sondern weil in den Reihen der Erschaffer dieser neuen Stadt kein Bedarf war für “Mangelexperten”, wie Mara ihn öfter neckend genannt hatte.
Was blieb, war ein Gefühl von fast tragischer Traurigkeit, gekoppelt mit einem leichten Grummeln in der Bauchgegend. Waren “Mangelexperten” vielleicht doch nicht nur immer lästige Bremser, sondern manchmal auch nützliche und sogar überlebenswichtige Warnlampen? Doch es war zu spät. Die Milch war verschüttet. Es war ein Abschied für immer. Das fühlte sie ganz deutlich. Und der Schmerz war fast nicht zu ertragen, jedenfalls nicht in einem Stück. Da half nur Trommeln und Tanzen.
“Drum’n dance the pain away”.
Bei allem eigenen Schmerz war Mara sich klar darüber, dass es ihn weitaus schlimmer traf. Er hatte nicht nur einen geliebten Menschen verloren, sondern sein ganzes Zuhause, seinen “Stamm”, und das schlimmste von allem, seinen Traum von einem besseren Leben als dort, wo er herkam und auf keinen Fall hin zurück wollte. Ihm drohte eine wurzellose Zukunft, sein lebenslanger Albtraum. Mara’s Trauer verwandelte sich bei diesem Gedanken in aufrichtige Sorge. Und sie wusste, dass diese Sorge überaus berechtigt war. Nicht ohne Grund war er in jüngeren Jahren wiederholt wegen Suizidgefahr in die Psychiatrie eingewiesen worden. Ein Gefühl der Panik breitete sich bei ihr aus. Denn sie wusste, dass er sich nun im freien Fall befand.























