Das Experiment
Ein Auszug aus dem Rohentwurf des Romanmanuskripts “Das Experiment”, in dem Fragen, Spannungen und Möglichkeitsräume des Projekts erzählerisch erprobt werden.
Der Text wurde bisher nicht editiert und nur maschinell übersetzt aus dem Deutschen.
BRÜCHE
Mara hatte nie an Zufälle geglaubt.
Als sie von der Donation hörte, wusste sie: Das ist es.
Nicht Gier. Nicht Ehrgeiz. Nicht Eitelkeit. Hier war etwas anderes im Spiel. Erleichterung und unbeschreibliche Freude ergriff sie. Und nicht nur sie. Bei Verkündigung dieser Nachricht in der Gruppensitzung machte ein Raunen der Verzückung die Runde.
Endlich mussten sie nicht mehr klein denken.
Nicht mehr vorsichtig sein.
Nicht mehr so tun, als wäre Provisorium eine Tugend.
Sie hasste es, wegen dieser Haltung perfektionistisch oder wegen ihres Optimismus unbekümmert genannt zu werden. Sie hatte verdammt nochmal auch ihre Kämpfe. Der größte stand ihr vielleicht gerade bevor. Warum konnte ausgerechnet er, der ihr das Herz geöffnet hatte und dem sie mehr vertraute als jedem anderen, sich über die frohe Botschaft überhaupt nicht freuen? Warum wirkte er so abwesend? Hatte es mit diesem mystischen Online-Kontakt zu tun, den er „Gruß aus der zukünftigen Vergangenheit“ nannte?
Orte
Mara liebte diesen Ort und all seinen versteckten Winkeln und Ecken, mit seiner übersichtlichen Unübersichtlichkeit. Die schweißtreibende Arbeit auf den Feldern, die Streicheleinheiten des beständigen Passatwindes, die üppige und geradezu verschwenderische Natur, die Geräuschkulisse mit rauschenden Palmenblättern, gemischt mit dem Lachen und Glucksen spielender Kinder, Gackern von Hühnern, Grunzen von Schweinen und Bellen von Hunden und Lauten exotischer Vögel. Das permanente Zirpen der Grillen und Quaken der Frösche des Nachts, mit Eulenrufen dazwischen, rundeten das Klangbild ab und ließen sie normalerweise schnell in einen tiefen Schlaf fallen.
Und dann dieses Meer an Düften nach den nächtlichen Regengüssen auf den palmengedeckten Dächern. Was für ein morgendlicher Sinnesgenuss! Fast noch unglaublicher war, dass sie notfalls sogar ihr Badewasser trinken konnte: Der Pool wurde laufend mit kühlem Wasser aus einem Bergbach gespeist. Die Abwasserexperten behaupteten dasselbe sogar vom Pool unterhalb der Reet-Wurzelraumkläranlage. Mara traute den hiesigen Laborbefunden allerdings nicht. Double’n triple check war hier ratsam.
Eine besondere Beziehung hatte Mara zu den Nanunoos entwickelt, mit denen ihre Gruppe täglich auf den Feldern arbeitete. Behörden und NGOs bezeichneten ihre Lebensweise als unterentwickelt. Mara wunderte sich fast, dass man nicht gleich von Niedrigkultur sprach, wenn man sich selbst zur Hochkultur erklärte.
Worte
Eine Art Volkssport dieser technologisch gesehen auf Steinzeit-Niveau befindlichen Kultur war tatsächlich das Dichten. Maras Herz schlug jedes Mal höher, wenn sie einen der schmalen Bambusstreifen entdeckte, die hier oft an Büschen baumelten, mit ihren eingeritzten, wunderschönen Schriftzeichen. Lesen konnte sie diese Schrift nicht, doch wusste sie, dass es eine alte Tradition war, z.B. Liebesgedichte an Pfaden aufzuhängen, von denen man wusste, dass die angehimmelte Person dort oft vorbeigeht. Das andere mitlesen konnten, interessierte die Verfasser offenbar nicht, oder die Gedichte waren vielleicht auf eine Art kodiert, dass nur der oder die Angebetete die Botschaft würde deuten können, spekulierte Mara. Doch anscheinend gab es nicht nur Romantiker in diesem Volk der Dichter.
Die berüchtigten dichterischen Wettkämpfe auf Stammesfesten, eine Art Poetry Slam, hatte sie noch vor sich. Dazu musste man tief in die Berge, mit Genehmigung und Guide. Hier an der Peripherie der modernen Welt dagegen waren viele Nanunoos ihrer eigenen Traditionen unsicher geworden. Die vermeintlichen Segnungen der Hochkultur beeindruckten sie so sehr, dass es Mara manchmal weh tat.
Fast jeder junge Eingeborene hätte sein letztes Hemd, beziehungsweise seinen Lendenschurz, für ein Smartphone hergegeben. Das Rätsel half ihr ein 85-jähriger deutscher Missionar zu entschlüsseln, der seit über sechzig Jahren mit diesem Volk lebte und seine Sprache sprach. „Neugier, schlichtweg Neugier“, sagte er. „Das, was uns schon um den Garten Eden gebracht hat.“ Für ihn waren Smartphones die neuen Glasperlen: faszinierend genug, die eigene Kultur plötzlich minderwertig erscheinen zu lassen. Trotzdem missionierte er kaum. Er nannte die Nanunoos „Ur-Christen, ohne es zu ahnen“ und hatte Schulen aufgebaut, in denen neben dem staatlichen Unterricht ihre Sprache, Kleidung und Kultur vermittelt wurden.
Mara liebte die Arbeitsgesänge der Nanunoos bei Tag und die Tänze um die Feuer bei Nacht. Und dann die vielen spontanen Treffen in diesem nicht allzu weiten, von steilen Berghängen eingegrenzten Gelände. Wie von magischer Hand gelenkt geschahen diese scheinbar zufälligen Treffen, dachte Mara oft und nannte es die tägliche Dosis Magie. Wie oft hatte sie Leute getroffen, an die sie gerade gedacht hatte, oder Leute, die sie mit Informationen oder Gütern versorgten, die sie gerade benötigte.
Doch was ihr am meisten Halt gab, war ohne Zweifel das Team. Die Offenheit und Wärme dieser Gemeinschaft, wild zusammengewürfelt aus allen Teilen der Welt und beginnend als zeitbegrenzte Arbeitsgemeinschaft, war nun irgendwie fast zu ihrer Familie geworden.
Aber sie wollte mehr als Selbstversorgung, idyllische Umgebung und harmonische Gemeinschaft. Dichte. Reibung. Stadt. Das fehlte ihr. Ihre Jugendzeit in der Großstadt hatte wohl doch ihre Spuren hinterlassen.
Sie wollte Cafés, Läden, Architektur, Theater, und vor allem Freiheit für die Leidenschaft, einschließlich aller Dramen, die dazugehören.
Wie viel war in dieser ach so freizügigen kleinen Blase an Gefühlen schon unter den Teppich gekehrt worden? In dieser Beziehung unterschied man sich nicht allzu sehr von der Steinzeitkultur gleich nebenan, dachte Mara, wo Abweichler von der geltenden Sexualmoral zwar nicht gleich gesteinigt oder ausgestoßen, aber doch von den Dorfältesten kräftig zurechtgestutzt wurden. Mara war durch den alten Missionar eine tragische Geschichte zu Ohren gekommen von dem Selbstmord eines jungen Mannes, der für die Missernte des Dorfes verantwortlich gemacht worden war, weil er es zu wild mit verheirateten Frauen getrieben hatte. Das hätte die bösen Geister angezogen, behaupteten die Ältesten mit Berufung auf ihren Dorfschamanen. Um sein geliebtes Dorf zu befreien von diesem Fluch, hatte der junge Mann sein eigenes Leben beendet. Bei Mara verursachte dieser kurze Blick hinter die Kulissen eine Art Glaubenskrise. Da blieb nicht mehr viel übrig vom Idyll der harmonischen indigenen Gemeinschaft.
Schon bei früheren Aufenthalten hatte Mara die Dörfer trotz aller Freundlichkeit als bedrückend empfunden. Zu tröstend war die Vorstellung gewesen, irgendwo existiere noch eine heile Welt.
Langeweile
Die Erkenntnis traf sie in einem abgelegenen Bilderbuchdorf hoch in den Bergen: strohgedeckte Hütten, spielende Kinder, Pfeife rauchende Alte, ammende Frauen, Bauern auf den Feldern, Hühner, Schweine und eine sanfte Bergbrise. Alle grüßten freundlich. Und trotzdem wurde Mara immer trauriger. War das jetzt ihre unerfüllte Sehnsucht nach einem idyllischen Leben, die sich hier meldete? fragte sie sich. Nach all den umtriebigen Jahren vielleicht kein Wunder.
“Ich weiß es nicht”, musste sie sich eingestehen im Stillen, “aber irgendetwas stimmt hier auch nicht”, fand sie.
Oder hatte es in diesem Dorf auch irgendjemand zu wild getrieben und damit böse Geister angezogen?
Dann hätte dann allerdings für alle Dörfer gegolten, die sie bisher besucht hatte. Überall dieselbe Stimmung: freundlich, mild, ruhig – und zugleich merkwürdig gedämpft, als wäre Ausgelassenheit nur für Stammesfeste vorgesehen. Fast wie zuhause, wo man einmal im Jahr beim Feuerwehrfest die Sau rausließ und sonst auf ruhig und bescheiden machte. Aber was hatte sie erwartet? Hula Hula wie im alten Hawaii? Vielleicht war auch das nur der Blick eines Reisenden, der zufällig am Festtag vorbeikommt und daraus ein ganzes Lebensgefühl macht.
Einschnitte
Dann geschah es. Im ersten Moment begriff sie es gar nicht richtig. Es kam eben nur einfach irgendein bekannter Pop-Song aus irgendeine der Hütten. Das war nichts besonderes in Dörfern, die in der Peripherie der Zivilisation lagen. Irgendjemand hatte immer eine Autobatterie oder Solarzelle, jemand anderes ein Smartphone, und manchmal ein Dritter sogar einen Bluetooth-Speaker. Doch hier oben, so weit weg von der Zivilisation? Wie konnte das sein?
Die relativ laute Musik durchschnitt die idyllische Stille. Mara wurde neugierig. Sie bremste sich willentlich, wollte ziellos schlendernd wirken, um sich der Quelle der Musik unauffällig nähern zu können. Als sie die letzten Hütten des Dorfes passiert hatte, sah sie die Quelle. Eine junge Frau stand mit dem Rücken zu ihr und schwang ihre Hüften zum Takt der Musik aus ihrem Smartphone, während sie Wäsche zum Trocknen aufhing. Eine kleine Solarzelle steckte auf dem Palmendach.
Sie trug die farbenfrohe traditionelle Tracht des Stammes, während die meisten im Ort schon auf die triste industrielle Kleidung in Form von Shorts und T-Shirt umgestiegen waren. Mara schossen zur eigenen Überraschung plötzlich Tränen der Rührung in die Augen.
Wo kam das denn jetzt so plötzlich her? fragte sich sogleich ihr analytischer Geist.
Es fühlte sich an wie jene spontanen Verliebtheiten der frühen Teenagerjahre, bevor sich in Sekundenschnelle ein moralischer oder strategischer Filter vor jedes Schmetterlingsflattern schob. Dazu dieses Zusammenziehen im Unterleib, rhythmisch wie ein ungeduldiger Finger. Der Körper meldete sich, bevor der ständig kontrollierende Geist überhaupt wusste, was er wollte.
Es war kein Drängen, kein Hunger, kein unwiderstehlicher Sog – das konnte später folgen, wenn das Objekt der Begierde tatsächlich in greifbare Nähe kam. Bis dahin war es eher ein diskretes Klopfen von innen, doch dringlich genug, um nicht überhört zu werden.
Für einen Moment fragte Mara sich, seit wann genau dieses Areal bei ihr über ein eigenes Bewusstsein verfügte. Dann ließ sie es bleiben.
“Frage vertagt auf später”, meldete der Entschlüssler.
„Wird das später auch noch passen mit euch?“ – die Stimme ihrer Mutter. Immer an später denken, bis es irgendwann zu spät war und man auf dem Sterbebett bereute, Wunschträume zu früh begraben zu haben. Damals wollte Mara auf keinen Fall zu den Wilden, Unbändigen und Leidenschaftlichen gehören, die nicht selten als gefallene Engel mit gebrochenen Flügeln endeten. Drama gehörte ins Kino, nicht in den Alltag.
Zurück im Hier-und-jetzt, fühlte Mara sich sofort angezogen, ohne jeglichen Augenkontakt gehabt zu haben.
„Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin“, hieß es damals. Doch wer wollte überall hin? Wollte man nicht irgendwann ankommen? Selbst traditionelle Nomaden hatten ihr Zuhause immer bei sich: ihren Clan. Genau diese kollektive Erdung fehlte den digitalen Neo-Nomads, zu denen Mara bis vor kurzem gehört hatte. Eine digitale Gemeinschaft konnte ihr das nicht geben. Sie fühlte sich zunehmend einsamer – an wunderschönen Orten, an denen andere Urlaub machten.
“Ein schöner Rücken kann auch entzücken” kam ihr in den Sinn. Es war die Erscheinung dieses Wesens als Ganzes. Die Art der Bewegungen, die Kleidung, die Arm- und Beinringe, die Tatoos, und die leckere, schokoladenfarbene Haut, das farbenfrohe Kleid, an dessen Rockzipfel sich ein kleines Kind hielt, während die gelockten, rabenschwarzen Haare hin- und her wehten in der milden Brise. Wild, stolz, würdig und unbändig – das waren die Worte, die Mara spontan durch den Kopf schossen bei diesem Bild, das sich für immer auf ihre Netzhaut brennen sollte.
Vielleicht traf sie die Szene so stark, weil die vertraute Musik die gedämpfte Dorfstille und ihre eigene Einsamkeit wie ein Paukenschlag durchbrach. Plötzlich wusste sie, was ihr hier fehlte: Es passierte zu wenig.
Ein alter Song aus den Achtzigern kam ihr gerade in den Sinn. “Monotonie in der Südsee. Melancholie bei dreißig Grad. Monotonie unter Palmen”
Vielleicht war es kein Zufall, dass es der Song “The Monster” war, zu dem die junge Frau sich jetzt anmutig bewegte.
Lalango
Immer öfter hatte Mara sich und ein paar andere aus der Gruppe dabei ertappt, ständig neue Gründe vorzuschieben für einen kurzen Abstecher in die nahegelegene Hafenstadt Lalango. Die Zahnarzttermine waren schnell aufgebraucht, und mit Starlink fiel das Internetcafé downtown auch flach als Vorwand. Persönliche Einkäufe benötigte man eigentlich auch kaum zu tätigen, da alles, was man benötigte, hier vor Ort war. Dass man einfach mal ein bisschen schlendern oder ein bisschen Streetlife erleben wollte, traute sich anfangs niemand richtig einzuräumen.
Von den fast unausweichlichen Flirts mal ganz zu schweigen, denn es brummte in dieser Stadt nur so vor Erotik – trotz all dem menschlichen Elend, auf dem dieser Ort gebaut ist mit einem der größten, auf jeden Fall aber bestgelegenen Rotlichtbezirke der Welt. Doch weíße Strände und blaue Lagunen sind ein schwacher Trost für unwürdige Lebens- und Arbeitsumstände.
Oder?
Sind sie es vielleicht doch, gekoppelt mit den anderen Vorzügen dieser freizügigen Stadt? meldete sich die innere Stimme, die Mara den Entschlüssler getauft hatte und die dem oft zu voreiligen Richter neuerdings immer öfter auf dem Fuße folgte.
Mara hatte sich nämlich immer wieder dabei ertappt, vorgegebene Clichés und Narrative einfach gedankenlos übernommen zu haben. Also, gab es vielleicht doch noch andere als nur ökonomische Not, warum Leute, insbesondere die jungen Frauen im ältesten Gewerbe der Welt, hier lebten?
Entschlüsselungen
Auch wenn die Rotlichtbranche hauptsächlich auf die Befriedigung typisch männlicher Bedürfnisse ausgerichtet ist, so schienen sich die Vibes zu übertragen auf die ganze Stadt, erschien es Mara. Die Jungs aus dem Team kamen oft lebendiger heim als sie vorher gewesen waren, und erzählten freimütiger von ihren Flirts, die normalerweise nichts mit den gewerblichen Damen zu tun hatten. Diese würden sich auch hüten, mit irgendwelchen dahergelaufenen Rucksacktouristen auf der Straße anzubandeln. So sahen die Jungs im Team nämlich durchweg aus, fand Mara.
Sie machte ähnliche Erfahrungen. Vom Tuktuk-Fahrer über Behördenmitarbeiter, vom Marktschreier bis hin zum Kellner – überall wurde versucht, mit ihr anzubandeln, schwärmte sie gegenüber Regine, die inzwischen ihre liebste Freundin geworden war. Mara hatte fast vergessen, wie sich diese Form der Aufmerksamkeit anfühlt, gestand sie gegenüber Regine. Die Freundin wurde hellhörig. Fehlte Regine da vielleicht auch was?
Dabei war Mara’s Cellulite schon so weit fortgeschritten, dass ihr auf der Straße zuhause in Deutschland kein männliches Wesen mehr nachschauen würde, geschweige denn ansprechen. Hier ging sie ungehemmt in Shorts oder kurzem Rock. Wie herrlich, oder besser, wie freilich sich das anfühlte, die warme Sonne und die kühlende Brise auf der Beinhaut, und einem gut belüfteter Schoß – und das jeden Tag wieder.
Narrative
„Ausgenutzt“, „missbraucht“, „gezwungen“, „manipuliert“ – so kannte Mara die Sprache der NGOs über die jungen Bargirls. Inzwischen wusste sie, dass die Sicht darauf je nach Ort und Personenkreis sehr unterschiedlich ausfiel. „Stell es mal gegenüber“, sagte Mara zu Regine. „Zehn Stunden im Reisfeld, im schimmelpilzverseuchten Laden oder allein vor einem Call-Center-Schirm – sechs Tage die Woche für einen Hungerlohn.“
Kurz dachte Mara an ihre eigene Karriere: große Wohnung im Schanzenviertel, Latte, gutes Essen, Ferien auf Mykonos, Bali und Okinawa – und dann dieses Ding mit den Schuhen. Hier sprach man nach einem halben Jahrhundert noch von den angeblich über 3.000 Paar Schuhen einer ehemaligen Präsidentengattin. Ein Fall für den Entschlüssler, das mit dem weiblichen Schuhfetisch, oder wie man das nennen will. Doch später. Jetzt ging es um die Frage: Was lässt Menschen ihr gewohntes Umfeld verlassen und nach Lalango ziehen?
„Auf der anderen Seite“, fuhr Mara fort, „arbeitest du vielleicht nicht einmal halb so lange und verdienst das Fünf- bis Zehnfache. Du versorgst deine Familie, wirst im Heimatdorf zur Heldin, kannst dir schicke Sachen leisten und feierst mit den Leuten aus den Bars – ohne dörfliche Clanaufsicht. Und wer sagt eigentlich, dass die Arbeit keinen Spaß machen kann? Also Regine: Was würdest du wählen?“
Regine stutzte und dachte nach. Mara legte nach.
“Der Preis ist in der Regel die Aufgabe der familiären und dörflichen Geborgenheit und in der Regel Heimweh, zumindest die erste Zeit. Freiheit gegen Geborgenheit. “Auch wenn wir aus einer anderen Kultur kommen – kommt uns das nicht auch irgendwie bekannt vor?”
“Hm, weiß nicht. Schwierige Frage. Werd mal drüber nachdenken”. Mehr hatte Mara auch nicht erwartet als erste Reaktion. Jetzt musste es sich erstmal setzen. Denn es war ja keine rein theoretische Frage. Sie hatte ja auch etwas mit Regine’s momentanen äußeren und inneren Umständen zu tun.
Die Schilderungen über die lokalen Alltagsbedingungen hatte Mara von einer alten Häsin des Rotlichtbezirks bekommen. Sie war eine von hunderten, wenn nicht tausenden hier in diesem Gewerbe. Oder sollte man es besser ‘alten Hasen’ nennen, denn Sarah, wie sie sich nannte, war männlichen Geschlechts.
Mara schätzte den Anteil der sog. Ladyboys vom Straßenbild her auf mindestens 10 %. Allerdings war es manchmal fast unmöglich, den Unterschied zu erkennen.
„Schaust besser auf Hände und Adamsapfel, sonst kannste schnell ’ne böse Überraschung erleben“, hatte ihr eine bärtige Frohnatur aus Österreich erklärt. Der Mann in gehobenem Alter plauderte ganz ungeniert und anscheinend gerne aus dem Nähkästchen des Sextouristen. Eine Feministenphobie schien der Typ jedenfalls nicht zu haben. Mara bezweifelte allerdings, dass er sie überhaupt als Frau wahrnahm. Sie war immer eher der Tomboy-Kumpel-Typ gewesen – mit dem Vorteil, Einblicke ins maskuline Universum zu bekommen, die ihren Freundinnen verborgen blieben.
Sepp, wie er sich nannte, entsprach genau dem allgemeinen Cliché des geifernden, dauergeilen Sextouristen, der es auf junge Frauen abgesehen hatte. Jenseits der fünfzig, blass, dicken Bauch, dünnes Haar, Bier trinkend und rauchend. Er war hier, weil ihn zuhause niemand mehr begehrte. Auch das räumte er freimütig ein, ohne die geringste Einsicht, dass es etwas mit ihm selbst und seinem Erscheinungsbild zu tun haben könnte. “Die Weiber zuhaus sind einfach zu eingebildet. Die meisten sind häßlich wie die Nacht, verglichen mit denen hier, aber wollen trotzdem alle Prinzessin sein. Schau Dich um. Eine hübscher als die andere hier, es sei denn, man hat was gegen Affenfratzen, wie dieses hoch- und spitznäsige Arschloch aus Dubai es neulich nannte. Er mochte die breiten Nasen nicht. Der ist gleich weitergejettet nach Kolumbien. Da wird’s ihm auch nicht besser ergehen, haha. So ein Idiot. Der hätte lieber Kameltreiber bleiben sollen.”
Er nahm einen großen Schluck aus seinem Bierhumpen und wischte sich genüsslich den Schaum vom Mund.
“Ja, schau di um hier. Soweit man schaut, ein Meer von hübschen Maids, in dem man baden kann, selbst wenn man kein Adonis mehr ist. Und zuhaus wolln’s net nur einen gutaussehenden Prinzen, nee, der muss auch noch spurten und ihnen alle Wünsche von den Lippen ablesen können.”
Dieses nach seinen eigenen Worten “saugeile Leben” gab’s hier auch noch für’n Appel und’n Ei, wie er euphorisch hervorhob, als wenn er das Ganze selbst gerade entdeckt hatte. Dabei kam er hier schon seit über 10 Jahren einmal im Jahr für 4 Wochen, um die Sau, bzw, den Eber rauszulassen.
Mit Adonis konnte dieser Typ nach Maras Einschätzung selbst in seinen besten Jahren nicht viel Ähnlichkeit gehabt haben. In seinem Fall kam noch erschwerend hinzu: Schuppige Haare, durchgeschwitztes, billiges Touri-T-Shirt, kurze, krumme Beine, weiße Socken und gestreifte, blau-weiße Adidas-Latschen als Krönung der Unappetitlichkeit. Die Vorstellung, dass sich am Abend eine der jungen Schönheiten auf seinem Schoß räkeln könnte, machte Mara zu schaffen. Wie gelang es diesen zum Teil wirklich anmutigen Wesen, ihren Ekel zu überwinden? Konnten sie ihr natürliches Empfinden wie auf Knopfdruck abschalten? Oder, ein noch ein unerhörterer Gedanke, empfanden sie womöglich gar keinen Ekel?
Der Enschlüssler hatte sich gerade wieder zu Wort gemeldet.
Ekel
Mara erinnerte sich, wie lange ihr eigener Ekel gebraucht hatte, um umzuschalten: Über zwei Monate verzog sie automatisch das Gesicht, wenn sie nach dem Stuhlgang nur Wasser und Hand benutzte, obwohl ihr Verstand längst wusste, dass das sauberer und sanfter war. Zwei Jahre später empfand sie Toilettenpapier fast umgekehrt als unhygienisch und benutzte es höchstens zum vorsichtigen Trockentupfen. Ekel, begriff sie, war offenbar erstaunlich formbar.
Sie wandte ihren Blick nochmal auf den Östereicher, der neben ihr saß.
Sein Blick war zunehmend gewandert auf den wachsenden Strom der Vorbeipassierenden.
Pussy Parade
Jeden Tag zwischen 5 pm und 7 pm füllten sich die Straßen und engen Gassen mit den gewerblichen Barladiesp, mehr zielstrebig marschierend als gelassen schlendernd, hin zu den unzähligen Bars und Tanzlokalen in Sin Alley.
“The Pussy Parade” nannten es nicht nur die Herren der Schöpfung ohne den geringsten Ton der Verachtung. Es klang fast liebevoll, als Sepp davon erzählte, wie von einem lieb gewonnenen, täglich wiederkehrenden Ritual, das er sichtlich genoss. 364 Tage im Jahr fand es statt. Nur Karfreitag war alles geschlossen. Ein Funken Gottesehrfurcht musste sein.
Maras Blicke verfolgten besonders die Augenweiden unter diesen Wesen, die mehr oder weniger selbstsicher vorbei stolzierten in Miniröcken und Pumps. Klack, Klack, Klack. Manche hielten es mehr mit Hot Pants, oder casual mit knie- oder knöchellangen Kleidern und klassischen Ledersandalen, für romantisch veranlagte Alt-Hippies, nahm Mara an. Davon hatte sie hier auch einige Exemplare gesehen. Nur wenige Ladies traten ihren Dienst an in Jogginghosen und Hiphop-Stil, und wenn, dann in teuren Markenwaren. Damit, und ungeschminkt, liefen sie nur am Tag herum, wenn sie Besorgungen machten.
Mara versuchte es erst zu ignorieren, aber sie spürte deutlich ein Gefühl von Neid, oder zumindest von Wehmut, das in ihrer Brust stach, ob sie wollte oder nicht.
Sie erinnerte sich an ihre jungen Jahre und an all die Aufmerksamkeit, die sie als hübsche junge Frau bekommen hatte. Wie schön das war, damals. Ihre kleinen Flirts hier in der Stadt hatten dieses wunderbar prickelnde Gefühl in der Bauchgegend wieder etwas aufleben lassen. Schmetterlinge im Bauch wollte sie das noch nicht nennen. Aber vielleicht waren die ersten Larven dabei, sich zu öffnen. Jetzt konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen.
“Age is just a number, Sir”. Das war einer der ersten Standardsätze, den die Bargirls and Boys lernten, wohl um den Bargästen die Scheu, das schlechte Gewissen und die Angst zu nehmen, nur als alter, notgeiler Geldsack betrachtet zu werden, den man nach Belieben ausnehmen kann.
“Keywords that open the doors”, hatte Sarah gesagt, wieder mit einem schelmischen Lächeln. Zu Hosentüren und potentiellen Schatzkammern, dachte sich Mara im Stillen.
Eine allgemeine moralische Verurteilung des Gewerbes nahm Mara kaum wahr. Der Ort lebte davon – neben den Tauchern, die vielleicht auch deshalb so zahlreich kamen, weil abends etwas los war.
Viele Jugendliche bewunderten und imitierten diese Girls and Boys. Schicke Klamotten, Schmuck, das neueste Smartphone und, wenn es gut lief, ein Honda Click-Scooter, machten sichtbar mehr Eindruck als Kirchenchor, Pfadfindergruppe oder NGO-Livelihood-Kurse. Mara wunderte es nicht.
Lust
Lust. War es das, was Mara fehlte?
„Du bist keine zwanzig mehr, vergiss das nicht“, erinnerte Regine sie gern – diese Quelle der Vernunft mit einem verborgenen Vulkan darunter. Oft genug jedenfalls, dass Mara sich öffentlich kaum noch aufreizend kleidete. Außer an Fasching vielleicht, wenn man die Sau einmal rauslassen durfte.
Meist genügte anscheinend ein kurzer Augenkontakt und ein leichtes Lächeln im richtigen Augenblick, und die Beute war im Schnabel. Nix mit
“Na Süßer, wie wär’s? Blasen, Ficken, waste willst”.
“Das würde man hier selbst mit der billigsten Straßenhure nicht erleben”, wurde Mara von dem langjährigen Betreiber einer dieser Girly-Bars aufgeklärt.”So wenig Selbstrespekt hat hier niemand”.
Maras anfängliche Abneigung gegen das Rotlichtmilieu, deutlich geprägt von ihrer Zeit in jungen Jahren auf der sündigsten Meile der Welt, veränderte sich zunehmend in Neugier. Was trieb die Menschen hierhin und hatte eine ganze Stadt mit ihrer 24/7 Betriebsamkeit aus dem sandigen Boden gestampft?
Die Stadt lebte von dieser Branche. Sie war nur aus ihr heraus entstanden. Sonst würden hier nur ein paar mit Palmblättern gedeckte Fischerhütten stehen, wie noch vor 50 Jahren.
Welche Antriebskraft liegt dahinter? fragte der Entschlüssler in seiner unbändigen Neugier.
Ist es nur die seit Jahrtausenden heftig unterdrückte Sexualität? Oder gibt es noch andere Gründe?
Mein Gott, was war sie heute wieder philosophisch – taschenphilosophisch würde ihr dänischer Liebster es nennen. Philo-to-go, sozusagen.
Aber sie musste den Faden weiterspinnen. Was, wenn Städte tatsächlich auch deshalb entstanden waren, um sich aus stammesgesellschaftlicher Kontrolle zu lösen – allen voran sexuellen Restriktionen? Und aus Regeln, die Begierde an materielle oder soziale Gegenleistungen banden? Die Ehe wäre dann nur die angesehenste Form dieses Tauschs.
Und waren ausgerechnet Türme seit jeher die Wahrzeichen der Stadt – Phallussymbole, nur noch übertroffen von Raketen? Waren Städte ein Versuch, sich aus der stammesgesellschaftlichen Umklammerung zu lösen? Ja, das war’s! Mara ging ein Licht auf.
Lalango war Babylon, und Babylon war Lalango. Mara fühlte sich schwebend wie auf einer Wolke geistiger Erkenntnis. Sie kam sich plötzlich vor wie eine große Entdeckerin. Ein neues, tolles Gefühl war das, musste sie gestehen. Erhebend ohne Überheblichkeit. Doch gleich darauf kam ihr innerer Skeptiker zu Wort. Das werden andere schon längst gedacht haben. Frag doch mal ChatGpt.
Romeo und Julia
Und was war mit Romeo und Julia? Wohl nicht ohne Grund kreisten so viele Songs, Filme und Romane um dieselbe Geschichte. War es nicht auch das Magischste, was Mara selbst erlebt hatte: wenn zwei Menschenherzen sich vollkommen füreinander öffneten?
Mara spürte einen kurzen Stich in der Herzgegend, und danach eine betäubende Schwere. Ein Stein, der sich tonnenschwer anfühlte, schien sich plötzlich in ihrer Brust platziert zu haben. Ihr wurde klar, dass hier ein ungelöstes persönliches Problem lauerte, durch das sie gerade über diese innere Diskussion aufmerksam geworden war. Dass sie dieses Problem offensichtlich nicht nur mit Romeo und Julia, sondern anscheinend mit der ganzen Welt teilte, war im Moment kein großer Trost.
„Nicht jetzt“, sagte der Entschlüssler. Das ordnen wir später. Langsam normalisierte sich ihr Herzschlag.
Moral
Die Hüter der Moral hatten hier wenig Chancen. Das fühlte sich befreiend an. Öffentliche Moral und Gesetzgebung existierten zwar, wurden aber ähnlich locker gehandhabt wie Ampeln, Einbahnstraßen und Helmpflicht außerhalb der Arbeitszeiten der Polizei. Obwohl Mara Ordnung mochte, fand sie das witzig. Vielleicht waren gerade deshalb alle etwas aufmerksamer.
Während Mara den Östereicher zu ihrer Linken auf einem Barhocker sitzen hatte, stand die Prostituierte, nein, das Freudenmädchen, oder korrekter, der Freudenjunge, zu Maras Rechten mit einem Mango-Juice, zu dem der Sepplhuber eingeladen hatte. Die Frage, ob sie/er sich als Sexarbeiter ausgenutzt fühlte von Barbesitzern oder Kunden, und sich vielleicht dafür schämte, den eigenen Körper zu verkaufen, hielt Mara zurück. Weder eine Spur von Scham noch Bitterkeit konnte sie entdecken, nur Sorgen darüber, ob die Familie in der Provinz auch genug zum Leben hätte, und ob ihr Hairstyling auch zu ihrem Outfit passte heute Abend. Tat es nicht. Mara versuchte, die direkte Frage danach diplomatisch zu beantworten mit “Not really my style but many will like it”. Das war genug, um sie bzw. ihn happy zu machen.
Doch wahrscheinlich hatte sie/er aus Erfahrung die Fragen nach
Bitterkeit und Scham erwartet, oder ganz einfach Maras Gedanken gelesen, und gab die Antwort ohne gefragt zu werden:
“Weißt du, wenn ich auf dem Reisfeld arbeite, verkaufe ich meinen Körper an den Farmer, und wenn ich im Supermarkt arbeite, an den Ladeninhaber. Alle meine Mamasans waren beschützend und fürsorglich, und weitaus die meisten Freier waren sehr respektvoll und freundlich zu mir, weißt du, und einige sogar sehr fürsorglich und verwöhnend. Das bekommen sie dann natürlich auch zurück von mir. Darin bin ich gut ”, sagte sie mit einem schelmischen Lächeln.
“Aber weißt du, wir sind alle Pretty Woman, die davon träumen, Mr. Lewis zu treffen, one fine day. Allein das ist Grund genug, sich immer in guter Form zu halten. You never know, you know”, sagte sie mit einem Augenzwinkern.
Zum Schluss des Gesprächs, es war schon 6 pm, zeigte sie mir noch Fotos von sich zusammen auf einer Rundreise mit ihrem Lieblingsgast. “Kennst du ihn hier? Er sagte mir, dass er ein bekannter Schauspieler ist in Deutschland. Ist das wahr?”
Bei Mara zog sich alles zusammen, als sie das Foto sah.
Und ob sie diesen Kerl kannte. Über Jahre hatte sie sich jeden Sonntagabend ‘Tatort’ reingezogen, zusammen mit angelieferter Pizza und Rotwein. Das war ein Ritual, seit ihrer Jugend schon, und ‘Tatort’ war zuletzt so ziemlich das Einzige, was sie noch genießen und verdauen konnte an TV-Kost.
Sie kannte alle Kommissare, und dieser hatte es ihr besonders angetan. Und der war schwul? Oder wie sollte man das jetzt nennen in diesem sprachlichen Genderwirrwar der letzten Jahre?
“Nicht zu fassen”, sagte sie zu sich selbst, diesmal laut.
Sarah sah sie unsicher an. Mara reagierte.
“Ja, ich kenne ihn, klar. Er ist ein außergewöhnlich guter Schauspieler, denke ich”. Mara wollte ihre Bewunderung, gekoppelt mit einem leichten Anflug von Eifersucht, nicht allzu sehr durchscheinen lassen.
Sarahs Augen leuchteten, während sie ein Bild nach dem anderen herunterscrollte, dass sie und ihn auf Rundreise durchs Land zeigten.
“Isn’t he handsome?” Sie wartete nicht auf Maras Antwort und sagte: “Sorry, I’ve to go. Duty’s calling. See you around here. So long”. Sie fügte sich galant ein in den immer noch nicht abgerissenen Strom von Frauen und Männern auf dem Weg zur Arbeit in Sin Alley.
Wie viele von ihnen werden wohl eines Tages einen Mr. Lewis treffen? dachte Mara, während sie Sarah nachsah. Und sind die wenigen Mr. Lewis dieser Welt nicht auch gewarnt durch die Tresenwahrheit der alten Hasen unter den Sextouristen, gerichtet an diejenigen, die gefallene Engel retten wollten?
“It’s easy to get the girl out of the bar, but impossible to get the bar out of the girl”.
Der Sepp übersetzte mir das so: “Wenn so ein Girl sich erstmal an den Luxus, die ständige männliche Aufmerksamkeit und nicht zuletzt an den Zusammenhalt der Bargemeinschaft gewöhnt hat, will sie immer wieder dahin zurück. Auf jeden Fall wirst du keine fürsorgliche Hausfrau mehr aus ihr machen können. Spoilt for ever, haha”. Er schüttelte lachend seinen Kopf und sein schütteres Haar wehte herum in der Luft. ”Da musste dir schon eine Tussy aus der Provinz schnappen, bevor sie Barluft geschnuppert hat”.
Anstöße
Bei der Vorstellung einer Pretty Woman- Lebensart – natürlich nur mit netten, gutaussehenden Kunden wie Mr. Lewis oder dem Tatort-Kommissar, versteht sich – spürte Mara diese kleinen rhythmischen Stöße im Unterleib.
Außerdem, Langeweile und Eintönigkeit schienen bei diesem Lebensstil auch unbekannt. Es passierte dauernd irgendetwas, das einen interessanten Tratsch wert war. “Schon gehört? Die trifft sich mit dem und der mit der. Wer hätte das gedacht, nicht wahr?”
Länger andauernden Stillstand gab es nicht. Es erinnerte sie irgendwie an glückliche Zeiten in ihrer Kindheit, wo einfach immer irgendwas passierte.
Das Gefühl von absolutem Stillstand hatte sie das erste Mal in ihrer jungen Ehe erlebt.
„Die Frau bezahlt für die Ehe mit ihrer Freiheit; die Prostituierte nur mit ihrer Zeit.“ Irgendeine frühe Feministin hatte das mal geschrieben, erinnerte sie sich. Mara selbst hatte damals einen verdammt hohen Preis bezahlt. Aber ihr „Lieblingsdäne“ sagte immer: „Weine nicht über verschüttete Milch.“
Brave neue Welt
Aufgemuntert von den vorherigen Begegnungen, hatte Mara sich getraut, eine Person anzusprechen, die aussah wie einer der Performer aus der Drag Queen Show, die zur Zeit im Exokicks geboten wurde, einer der alteingesessenen, größeren Bars. Es war ein hochgewachsener, schlanker, einfach umwerfend gut aussehender junger Mann – wie man dieses transvestite Wesen aber ganz sicher nicht nennen durfte, war sich Mara sicher. Diese Person saß alleine an einem der Tische und sah etwas gelangweilt aus. Low batt verhinderte die Flucht in Cyberspace, nahm Mara an. Wahrscheinlich war es das I-Phone dieser Person, das in der Ladestation hinter dem Tresen lag.
Als Mara sie ansprach, erhob sie sich, gab Mara die Hand und stellte sich höflich als Babylonna vor
“Totally hopeless, this place”, erhielt Mara als Anwort auf die Frage, wie Babylonna Lalango gefiel,
“Dirty, noisy, bad smells, bad styles, and worst of all, bad payments – that’s it.” Wie sich später herausstellte, war sie eine internationale Berühmtheit auf entsprechenden Online-Plattformen und hatte dem Angebot zur Teilnahme an dieser Show im Exokicks nur zugesagt, um einfach mal die Luft von altmodischen Bühnen zu schnuppern, wie sie es nannte.
“Also reine Neugier, und ein bisschen Nostalgie”, fügte sie noch mild lächelnd hinzu.
Denn nötig hatte sie es nicht. Als sie Mara von den Einkommensmöglichkeiten auf BIGO Live und anderen Plattformen erzählte, spürte Mara, dass diese Person keine Aufmerksamkeit damit erhaschen wollte. Sie hatte vielleicht einfach nur das Bedürfnis, sich mit jemandem auszutauschen, der kein geifernder Sextourist und keine abgewrackte Kollegin aus ihrer Branche war. So kam es Mara jedenfalls vor.
“Lalango is the last place where I wish to end”, sagte Babylonna mit einem Ausdruck von Abscheu im Gesicht. Lalango schien in ihren Augen die Endstation für gescheiterte Dragqueen-Karrieren zu sein.
Babylonna trank Perrier, das hier fast so viel kostete wie französischer Champagner und zum Statussymbol jener Edelnutten geworden war, die aus der Hauptstadt zum Strandurlaub kamen, ohne ihre Gewohnheiten aufzugeben.
“Das Essen in einigen Restaurants ist hier zwar ganz gut. Aber dafür in so einem Dreckloch hausen, weit weg von Familie und Freunden, da begnüge ich mich dann doch lieber mit GRAB.”
Bei GRAB und Co. bekam man inzwischen fast alles bis an die Haustür geliefert, sogar Bio-Essen. Bald, hieß es, würden Drohnen selbst das Projektdorf in den Bergen beliefern.
“Was ist mit Strand, frischer Seeluft und Korallen tauchen?”
“Interessiert mich nicht. Kann man außerdem bald alles virtuell bekommen, wenn einem das wichtig ist. Schon mal was von Metaverse gehört? Mich interessieren nur meine Familie, meine Freunde und meine Karriere. In dieser Beziehung bin ich also ganz normal”.
Nach dieser Begegnung fragte Mara sich, ob die Tage von Orten wie Lalango gezählt waren. Corona hatte einen Vorgeschmack geliefert: Stadtluft, Korallenriffe, Berge – vieles würde sich irgendwann virtuell simulieren lassen. Aber Babylonnas eigentlicher Punkt saß tiefer: Exotische Momente waren kurz. Was zählte, war der Alltag.
Wege
Begegnungen mit Sepp, Sarah oder Babylonna musste man hier nicht hinter vorgehaltener Hand erzählen; Gutmenschen verabschiedeten sich meist schnell wieder vom Projekt. An die große Glocke hing man sie trotzdem nicht. Es gab Dringenderes: Abwasser, Joinees, Eigentumsfragen – und nun plötzlich die Frage, was mit all dem neuen Geld möglich werden könnte.
Doch ihre große Liebe hörte aufmerksam zu, wie immer. Er verstand es, wie immer – doch wie so oft nur mit dem Kopf, kam es ihr vor.
“Anyway”, sagte Mara, ihm dabei tief in die Augen schauend, “ich finde, hier muss mehr Leben in die Bude kommen. Das Projekt ist dabei, libidinös auszutrocknen”. Jetzt sah er das erste Mal auf. Das Wort libidinös hatte sie auch das erste Mal in den Mund genommen. Was hätte sie sonst sagen sollen? Sinnlich, erotisch, sexuell? Sowieso traf keines der Worte, was sie eigentlich ausdrücken wollte.
“Kinder, die zwischen verschiedenen Welten aufwachsen, an einem von Moral entseuchten Ort, wo es nur so summt und brummt vor Lust”.
Ein echtes Gegenmodell, das überall hin übertragen werden konnte, und nicht nur eine schöne Blase ist für ein paar auserwählte Insider – das war, was Mara wollte.
Als er zweifelte, verstand sie ihn nicht. Oder wollte es nicht.
Für sie war sein Zögern Luxus, ein Verbleiben in der berüchtigten Comfort Zone.
Ein Festhalten an Unsichtbarkeit. Angst, gewohnte Strukturen aufgeben zu müssen.
„Wir können nicht ewig traumatisiert bleiben“, sagte sie.
„Irgendwann muss man richtig leben, und das auch nach außen tragen. Du weißt, es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Sie machte eine Pause, um seinen Blick zu fangen, denn über dieses berühmte Zitat waren sie sich einst nahe gekommen.
Vornüber gebeugt auf der Matte sitzend, blieb sein Blick stur auf den Boden gerichtet.
“Eines Tages werden sie kommen, zwangsläufig, und uns ihre Falschheit aufdrücken. Wir müssen offensiv werden, alleine um uns selbst zu schützen”.
Sie meinte es ehrlich.
Und ja – sie sah Macht.
Geld, Einfluss und eine mediale Aufmerksamkeit, die alles schlagartig verändern könnte.
Aber sie sah darin kein Gift,
sondern nutzbares Material.
Als er zögerte zu antworten, wurde sie ungeduldig.
„Wir können auch nicht ewig vorsichtig bleiben“, sagte sie abends, als sie nebeneinander saßen, voll bekleidet diesmal, Distanz zwischen ihnen.
„Willst du, dass das hier nur eine winzige Fußnote der Geschichte bleibt?“
Er antwortete wieder nicht sofort, und dann ausweichend. Sie wusste, dass es ihm alles mal wieder viel zu schnell ging, und dass er einfach völlig überfordert war. Er behielt den Fokus auf mögliche Mängel, während sie die Fülle der Möglichkeiten sah.
Und das war der Moment, in dem sie merkte, dass sie sich bereits zu weit voneinander entfernt hatten.
Sie liebte seine Art, morgens erst zu schweigen, bevor er sprach.
Wie er beim Essen langsamer war als die anderen, als müsse er sich vergewissern, dass alles real war.
Wie er sie berührte – nicht fordernd, nicht prüfend, sondern als wäre Nähe etwas, das man nicht verschwenden sollte.
Nachts lagen sie oft wach, nackt, verschwitzt, das Fenster offen.
Von unten kamen Trommellaute herauf, Stimmen, Gelächter.
Er hörte zu. Sie hörte ihm zu.
Sie wusste, dass er zweifelte.
Aber Zweifel bedeuteten ihr weniger als Stillstand. Der kam ihr bedrohlich vor.
Als die Nachricht von der Donation die Runde machte, war sie sofort bereit.
Sie hatte sich die Stadt schon in allen Details vorgestellt, lange bevor die anderen es taten.
Nicht einfach nur größer als der bisherige Ort, sondern vor allem verdichteter.
Gassen, Cafés, Werkstätten, Wohnungen mit offenen Fenstern.
Kinder, die zwischen Sprachen wechselten. Konflikte, die nicht weggelächelt, sondern ausgetragen wurden, auch mit der Straße als Bühne.
Sie sah Liebesgeschichten, die nicht mehr heimlich gehalten werden mussten. Trennungen, die wehtaten, aber die Kinder schützten, weil die Leute blieben – das, was zählt für Kinder. Wenn vertraute Personen plötzlich und für ein Kind aus unerklärlichen Gründen aus dem Alltag verschwinden, ist das schlichtweg eine Katastrophe, die zu einem lebenslangen Trauma werden kann. So viel hatte Mara verstanden.
Wer einmal hier angekommen wäre, würde nie wieder wegwollen. Dessen war sich Mara sicher. Wohin denn auch, wenn man sich schon wie im Zentrum der Welt fühlte?
Ein Ort konnte sie sehen auf ihrem inneren Schirm, der nicht nur durch seine äußere Schönheit eine magische Ausstrahlung haben würde, sondern vor allem durch seine lebenslustigen Bewohner. Sie sah lächelnde Händler, singende Handwerker, Musik und Tanz an jeder Straßenecke. Alt und jung, und aus allen Teilen der Welt – keiner blieb von der Lebens- und Spielfreude der Bewohner verschont, wie befallen von einem hochansteckenden Virus. Und alles würde hier noch viel, viel echter sein als in Lalanga, weil die Bewohner hier befreit sein würden von der Bürde der Geldwirtschaft, und überhaupt vom Zwang, mehr Anschaffen zu müssen als für ein komfortables Überleben notwendig ist.
Wie lustvoll selbst das notwendige Anschaffen sein konnte, hatte Mara in den letzten zwei Jahren erlebt: die Früchte der eigenen Arbeit im wahrsten Sinne zu genießen. Plötzlich verstand sie sogar die spießigen Kleingärtner, die sie früher belächelt hatte. Lust statt Pflicht – sollte das die Triebfeder sein? Hatte sich deshalb auch ihre Libido wieder gemeldet in einem Maße, dass es anfing, ihr Sorgen zu machen?
Sein Blick verdüsterte sich eher noch nach ihrem Begeisterungsausbruch.
In den Tagen danach verschob sich etwas.
Nicht offen.
Nicht brutal.
Nur kleine Dinge.
Gespräche fanden ohne ihn statt.
Blicke suchten ihn nicht mehr.
Ideen wurden weitergesponnen, nachdem er gegangen war.
Jemand sagte lachend:
„Du klingst wie jemand, der schon ausgestiegen ist.“
Ein anderer mild lächelnd:
„Du wirst dich schon noch daran gewöhnen, größer zu denken. Alles hat seine Zeit”.
Sie lächelte mit.
Aber nachts lag sie wach und spürte, wie er neben ihr stiller wurde.
Er war noch da.
Aber er war nicht mehr Teil des Stroms.
Als die ersten Skizzen für die Erweiterung auslagen, blieb er stehen, betrachtete sie lange – und sagte nichts.
Niemand fragte ihn.
In dieser Nacht berührte er sie nicht.
Und Mara verstand plötzlich etwas, das sie nicht hatte sehen wollen:
Man konnte jemanden lieben
und ihn trotzdem verlieren,
nicht an eine andere Person,
sondern an einen andere Richtung im Leben. Wie zwei Schiffe, die lange auf dem gleichen Kurs gesegelt sind, doch irgendwann verschiedene Destinationen ansteuern.
Am nächsten Morgen arbeitete er allein.
Nicht ausgeschlossen.
Nicht verstoßen.
Einfach nicht mehr gemeint.
Und sie wusste: Jetzt war er wieder in seinem schwersten Trauma gefangen – dem Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Sie selbst reagierte auf solche Anflüge eher mit trotziger, nach außen gerichteter Aggression. Bei ihm führte es in die Isolation und in eine nach innen gerichtete Aggression, die Depression.
Und davon hatte sie jetzt endgültig genug. Den anderen in der Gruppe ging es anscheinend ähnlich.
Wenn er jetzt ging,
würde niemand ihn aufhalten.
Nicht aus Härte.
Sondern weil in den Reihen der Erschaffer dieser neuen Stadt kein Bedarf war für “Mangelexperten”, wie Mara ihn öfter neckend genannt hatte.
Was blieb, war ein Gefühl von fast tragischer Traurigkeit, gekoppelt mit einem leichten Grummeln in der Bauchgegend. Waren “Mangelexperten” vielleicht doch nicht nur immer lästige Bremser, sondern manchmal auch nützliche und überlebenswichtige Warnlampen?
Doch es war zu spät. Die Milch war vergossen.
Es war ein Abschied für immer. Das fühlte sie ganz deutlich. Und der Schmerz war fast nicht zu ertragen, jedenfalls nicht in einem Stück. Da half nur Trommeln und Tanzen. “Drum’n dance the pain away”.
Bei allem eigenen Schmerz wusste Mara, dass es ihn schlimmer traf. Er würde nicht nur einen geliebten Menschen verlieren, sondern sein Zuhause, seinen „Stamm“ und vielleicht das Schlimmste von allem den Traum von einem anderen, einem besseren Leben. Ihre Trauer wurde zu Sorge. Sie wusste, dass er sich nun im freien Fall befand.























